Montag, 2. April 2012

2012.04.02. - Szent Pál vereint die Nation

Drei quälende Monate hat es gedauert, bis Szent Pál endlich eingesehen hat: Es geht nicht weiter. Aber natürlich nicht deshalb, weil er es verbockt hat. Paulchen wäscht seine Hände in Unschuld. Es hat ihm schließlich keiner gesagt, dass man bei einer Doktorarbeit nicht abschreiben darf. Ganz unbedarft erzählt er, wie der Doktorvater ihm die Feder geführt habe. Wahrscheinlich wusste Orbán davon, und deshalb war Schmitt für ihn der ideale Kandidat, bereits daran gewöhnt, dass andere für ihn schreiben. Außerdem ist es in China zum Beispiel ein Zeichen der Anerkennung, wenn man andere kopiert. Passt auch wunderbar in die Marschroute Orbáns, dieses interkulturelle Verständnis, das Schmitt da zeigt.

Aber was soll eigentlich dieses ganze Theater, die Sache ist doch zwanzig Jahre her! Diese ollen Kamellen aufzuwärmen schadet dem Land viel mehr als Schmitt. Sagt Tarlós. Es sind diese miesen investigativen Journalisten, die Gift sind für dieses Land. Das Mediengesetz ist noch viel zu milde. Der Quellenschutz sollte komplett aufgehoben werden, damit diese Zecken vom HVG endlich verraten, wer Schmitt verraten hat. Da hat Heti Válasz wenigstens bewiesen, dass sie kein Rückgrat haben. Und überhaupt, wie kommt die Semmelweiß-Uni dazu, ihm den Doktortitel abzuerkennen! Da wäre doch mindestens ein normales Gericht zuständig, wenn nicht sogar ein Verfassungsgericht. In jedem Fall aber einer der neuen Fidesz-Richter, damit auch alles mit rechten Dingen zugeht.

Tja, jetzt ist es zu spät dafür. Und so tritt Schmitt mit sinnlosen Worten ab. Er wolle das Land nicht spalten. Hallo? Paulchen, kapierst du nicht, dass das Land zum ersten Mal seit langer Zeit einer Meinung ist? Alle ziehen an einem Strang, weder Jobbik noch LMP noch MSZP noch DK noch Fidesz wollen dich noch im Sandor Palota sehen. Geh weg. Und lass doch bitte auch die Finger von Dienstwagen, Dienstwohnung und 1,5 Mio. Forint monatlich. Jetzt kannst Du wirklich mal zeigen, was für ein Mann zu bist: Wie wär's mit 47.000 Forint in Form von Guthaben auf deiner Erzsébet-Karte, mit der du dann im CBA Prima 30% mehr für Butter und Eier aufs Band legen darfst. Davon kann man gut leben und nebenbei sogar seinen PhD machen! Jeder ist seines Glückes Schmitt.

Und so hat das Land in einer Woche gleich zwei Präsidenten verloren. Der eine hat sich selbst demontiert, der andere wurde von willigen Bauarbeitern im Auftrag der Fidesz-Bezirksregierung abgeflext und zur Restauration ins Archiv geschickt, bevor er in Siófok am Strand wieder aufgestellt werden soll. Keiner hatte damit gerechnet, dass das so schnell gehen würde. Na sagen wir lieber: kein vernünftiger Mensch hatte damit gerechnet, aber nach dem nächtlichen Kahlschlag auf dem Kossúth tér war soetwas eigentlich zu erwarten gewesen. Im Klubrádió durfte ich zuhören, wie ein vorsitzender Jungchrist verzweifelt versuchte, die Demontage von Károlyi Mihaly vor Bolgár György zu rechtfertigen. Ihm fiel eigentlich nicht viel mehr ein als Trianon und noch mal Trianon, und noch die Räterepublik. Selbst wenn Károlyi es gut gemeint haben sollte, er sei ein schwacher Premier gewesen, und er verdiene kein Denkmal an einem solchen Platz. Soso, schauen wir mal... Béla IV? War zu blöd, die Mongolen aufzuhalten. Und so einen nennt man den zweiten Landesgründer. Nagy Lajos? Zu blöd, einen Sohn zu zeugen und dafür zu sorgen, dass seine Dynastie vernünftig fortgeführt wird. Dózsa György? Erfolgloser Revolutionär und well done gegrillt. Rákóczi Ferenc? Zu blöd, die Ösis zu besiegen. Batthyány? Hat einfach die Macht an die Habsburger aus der Hand gegeben. Petőfi? Zu blöd zum kämpfen. Kossúth? Zu schwach, die Revolution zum Erfolg zu führen, und hat sich ins Exil abgesetzt. Solche Verlierer sollten ganz im Sinne von Jobbik und (!) der Regierung in diesem Land keine Denkmäler erhalten, oder?

Warum hat Varga Imre dem armen Károlyi nicht einfach einen Turul auf die Schulter gesetzt. Dann könnte er jetzt noch dort stehen, so wie der illegale Turul in Pest, der seltsamerweise bis heute nicht beseitigt wurde, nur weil der dämliche Juhász Oszkár und seine dummen Freunde dagegen sind. Dämlich ist er deshalb, weil er jetzt kein Denkmal mehr hat, das man so leicht schänden kann. Jetzt suchen sich Jobbik und die Garda neue Entfaltungsmöglichkeiten in Jászjákóhalma oder Kónyar. Die neuen Mitglieder durfte die Garda ja sogar auf dem Heldenplatz vereidigen. Solange man das im Sitzen oder Knien macht, ist das alles rechtens, sagt sie Polizei. Dass man dabei Demonstranten anpöbelt und ihnen verspricht, sie in Waggons zu deportieren, hat leider wohl gerade kein Polizist mitbekommen.

Am 15. März hat es mich sehr irritiert, was die Leute neben mir an der Doppelabsperrung den braunen Stiernacken zugebrüllt haben: "Nazik haza!" Nazis nach hause! Dabei ist doch gerade das das Problem: Die sind hier zuhause! Und dürfen sogar kurzfristig da demonstrieren, wo Milla nur mit gerichtlicher Hilfe hindurfte. Weiterhin keine guten Aussichten. Ist es da ein Wunder, wenn die Leute auswandern? Und da hat Kárpát Dániel von Jobbik doch tatsächlich den Nerv, die Regierung aufzufordern, die Gründe für die Auswanderungswelle zu finden und den Fluss zu stoppen. Angeblich sollen bis 2020 150.000 Ungarn nach Deutschland auswandern. Ja lieber Dániel, was denn nun? Erst wollt ihr die Leute per Eisenbahnwaggon verschiffen, und dann wollt ihr sie doch nicht loswerden? Was meinst du, wieviele dieser 150.000 wohl Roma, Juden und/oder Liberale sein werden? Am Ende wird es im menschenleeren Ungarn zum Show-down zwischen den aufrechten KDNP-Christen und den tanzenden Jobbik-Schamanen kommen.

Ach ja, die aufrechten Christen. Gyurcsány hat die Kirchen aufgefordert, auf ihre Steuerprivilegien zu verzichten. Und die katholische Kirche soll doch bitte die Missbrauchsfälle der letzten Jahre untersuchen und aufdecken, und dazu auch gleich noch alle ihre Verstrickungen im Sozialismus. Eigentlich ganz vernünftige Forderungen. Wäre eigentlich was für's letzte MSZP-Wahlkampfprogramm gewesen, war damals aber vielleicht nicht so populär. Jetzt müsste die Kirche eigentlich die andere Wange hinhalten oder sich entschuldigen und natürlich ein paar Alibi-Fälle offenlegen. Aber die KDNP sieht Gyurcsánys Vorstoß natürlich gleich als Kulturkampf. Es geht ja auch gar nicht darum, was gesagt wird, sondern nur, wer etwas sagt. Gyurcsány ist per KDNP-Definition der personifizierte Antichrist. Was für ein Zufall, dass ab jetzt nur solche Parteien staatliche Unterstützung erhalten sollen, die 2010 zur Wahl standen. Die DK gehörte nicht dazu. Ihre Parlamentsmiglieder wurden zwar alle gewählt, aber eben nicht als DK sondern als Mitglieder der MSZP. Warum erhält die KDNP eigentlich staatliche Unterstützung? Diese Partei stand doch auch nicht zur Wahl??

63% der Ungarn glauben, dass man in Ungarn ohne Beziehungen und Korruption nicht weiterkommt. Die Regierung würde diese Zahl gerne auf 50% reduzieren. Ich sage: Am weitesten kommt man, wenn man Orbán nützlich ist. Und wenn's mit der Nützlichkeit vorbei ist, fällt man tief. Schmitt Pál hat Glück gehabt, dass man ihn nicht im Nagelfass vom Sandor Palota aus in die Donau gerollt hat. Das Privileg hebt sich Orbán vermutlich für Semjén auf, der wird diese christliche Opferrolle rückwärts auch viel besser zu würdigen wissen.

Samstag, 31. März 2012

Feuer in Kerepes

Blikk bzw. MTI melden um 20:29 Uhr: Kerepes - In dieser Siedlung im Komitat Pest hat sich der Wald entzündet, in der Gyár utca. Das Feuer bedroht auch Wohnhäuser in der Nähe, die Löscharbeiten erfolgen mit vielen Kräften. Es gilt die fünfte, erhöhte Alarmstufe, die Gödöllöer und hauptstädtische Feuerwehr - die mit neun Löschzügen vor Ort eingetroffen sind - bekämpfen zur Zeit die Flammen. Es wird befürchtet, dass das Feuer auch auf die Wohnhäuser übergreift. Zur Zeit ist nicht klar, ob die Einwohner evakuiert werden müssen.

Hier der Blick aus dem Dachfenster in knapp zwei Kilometern Entfernung, zum Glück mit dem Wind im Rücken:


Mittwoch, 28. März 2012

Paprika

Nachdem meine Montage sogar HVG gefallen hat und man dort einen Link auf meine Facebook-Seite gesetzt hat, poste ich das Bild lieber auch mal hier, für alle, die nicht auf Facebook sind...

Freitag, 16. März 2012

Clubveranstaltung an der Elisabethbrücke

Nachdem gestern meine Video-Software abgestürzt ist, bevor ich die erste Version gespeichert hatte, kommt hier mit einem Tag Verspätung die zweite Version meines Mitschnitts der gestrigen Milla-Demonstration. Da fehlen viele Höhepunkte, zum Beispiel waren meine Aufnahmen der Preisverleihungen an diverse Regierungsmitglieder leider nicht brauchbar. Aber ich hoffe, die intime Stimmung dieser kleinen Clubveranstaltung* kommt rüber...



*Orbán meinte in der FAZ, dass die Demonstrationen der Opposition im Vergleich zu den Massen, die er auf die Beine stellt, aussehen wie Clubveranstaltungen. Keine Ahnung, in was für Clubs der sich rumtreibt, wenn er genug hat von seiner Großfamilie...

Freitag, 2. März 2012

2012-09: Árpádheit

"Religion poisons everything."
Christopher Hitchens, 1949-2011

Evangelikale und konservative Katholiken sprechen abwertend von einer Modewelle, von neuen Atheisten, die nichts Neues zu sagen haben. Dabei sind es die Ratzingers dieser Welt, die auf verlorenem Posten stehen und die nichts Überzeugendes mehr zu sagen haben. Alle Argumente widerlegt, Kinderschänder am Bein und absonderliche bis menschenverachtende Moralvorstellungen. Wer will das noch?

Es ist lobenswert, dass Ungarn 66 Sekten den Status als Kirche und alle damit verbundenen Privilegien aberkannt hat. Wer an einen Rauschebart über den Wolken glauben will, an Nirvana und heilige Kühe, an blaue Elefantengötter, an einen pädophilen Propheten in der Wüste, der soll das gerne tun. Stört mich nicht. Aber was hat der Staat damit zu schaffen? Warum brauchen solche Gemeinschaften Steuerprivilegien? Weg damit! Und deshalb ist es alles andere als lobenswert sondern im Gegenteil einfach nur ärgerlich, dass 32 Sekten sich weiterhin Kirche nennen dürfen, ganz vorneweg die "historischen" Kirchen. Und nicht nur das. Langsam aber sicher setzt KDNP die eigenen Vorstellungen vom konservativ-christlichen Gottesstaat auf die Agenda.

Da wäre zum Beispiel der Religionsunterricht in der Schule. Klar, in Deutschland ist man daran gewöhnt. Aber muss das deshalb normal und richtig sein? Was haben Pfaffen in der Schule zu suchen? 2.000 Jahre lang haben sie das Wissen und die Wissenschaft bekämpft wo sie konnten und haben am Ende doch nur Rückzugsgefechte geführt, und jetzt sollen wir sie hier wieder in die Schulen lassen, damit sie ihren Schwachsinn verbreiten? Ethikunterricht ist in Ordnung, Rózsa. Und in diesem Rahmen auch gerne vergleichender Religionsunterricht. Es tut niemandem weh, etwas über die Bibel zu lernen und über die historischen Zusammenhänge, über Schismen und Konzile. Denn dann wird schnell deutlich, dass Religionen menschengemacht sind. Wir haben die Götter nach unserem Vorbild geformt, deshalb sind sie ja auch so kleinlich, jähzornig und dumm.

Noch besser ist der Abklatsch von "True love waits", den Rózsa und ihre zölibatären Freunde mit EU-Finanzierung auf den Lehrplan setzen wollen. Sex vor der Ehe ist... ja, was denn? Unmoralisch? Nach wessen Maßstäben, wer hat das festgelegt? Die älteren freundlichen Herren etwa, die Abstinenz predigen und kleine Jungs vernaschen? Kastrierte Kater, die anderen Ratschläge geben. Ach was, Ratschläge - Anweisungen, Befehle! Die Kindern und Jugendlichen einimpfen wollen, dass Sex etwas Schlechtes ist, etwas Unmoralisches, etwas Dreckiges... das man sich für einen Menschen aufheben soll, den man wirklich liebt. Geht's noch? Wer ist denn physisch dazu in der Lage, vom Einsetzen der Pubertät bis zu einer Ehe, die heutzutage Mitte Zwanzig geschlossen wird (wenn überhaupt), abstinent zu leben? Wohlgemerkt unter der Voraussetzung, dass Masturbation genauso dreckig und unmoralisch ist wie Sex vor der Ehe. Niemand kann das, ganz sicher auch kein Priester im Zölibat.

Ratzinger und die anderen religiösen Führer wissen natürlich, dass niemand frei ist von "Sünde". Es geht ja auch gar nicht um Sex, es geht um Macht. Impfe den Menschen ein schlechtes Gewissen ein, lasse sie sich sündig und dreckig fühlen. Erzähle den kleinen Kindern von der Hölle, von ewigen Qualen, damit sie auch als Erwachsene zu Dir kommen und beichten und um Absolution bitten. Halte den Klingelbeutel hin und lächle vergebungsvoll. Und die EU zahlt auch noch dazu.

Logisch, dass mit harten Bandagen gekämpft wird, wenn staatliche Pfründe auf dem Spiel stehen. Wenn plötzlich 10% der Bevölkerung von Sajókaza Buddhisten sind, dann kann da doch etwas nicht stimmen! Ist das vielleicht so, weil die Dzsaj Bhím tatsächlich ihre Hände zur Hilfe ausgestreckt haben? Weil sie sich für den Abschaum, für das dreckige Gesindel, für die Strauchdiebe und Faulenzer einsetzen, die politisch korrekt als Roma bezeichnet werden müssten? Weil sie in ihnen die Menschen sehen, die sie sind? Mag das sein wie es will, es darf nicht sein! Wenn schon Zigeuner, dann wenigstens katholische Zigeuner. Und so wie die Krishnas nicht mehr am Blaha stehen dürfen, will man nun den Buddhisten in Sajókaza das Leben schwer machen.
Erster Schritt: Völlig egal, ob die EU gerade skeptisch auf den ungarischen Datenschutz schaut, wir schicken die Polizei los. Die soll mal rausfinden, was die Leute bei der anonymisierten Volksbefragung angekreuzt haben. Wäre doch gelacht, wenn wir keinen finden, der zugibt, dass er von den Buddhisten überredet wurde. Und dann geht's denen an den Kragen. Lieber Analphabeten als gebildete Buddhistenzigeuner. Ab ins Nirvana!

Wenn wir uns Dorfschulen anschauen, müssen wir wohl auch schon wieder nach Gyöngyöspata schauen. Man sollte erwarten, dass man dort jetzt erstmal den Ball flach hält. Aber Leute wie Juhász Oszkar sind eben kackfarbige Krawallmacher. Sein Niveau wird deutlich wenn man ihn dümmlich lächelnd mit dem Handy am Ohr neben Károlyi Mihály posieren sieht. Da wird auf einen Blick klar, wer von beiden der Staatsmann ist bzw. war und wer das blöde Arschloch.
Und selbst wenn Károlyi nun seinen Platz räumen muss und Jobbik sich mit seiner skandalösen Forderung durchgesetzt hat: Am Balaton wird dieses Stück Bronze den wenigen verbliebenen westlichen Touristen deutlich machen, dass Schluss ist mit Demokratie.

Zurück nach Gyöngyöspata: Was jetzt schon wieder los ist? In der Schule herrscht "Rassentrennung". Im Erdgeschoss sitzen die Roma, im Obergeschoss die "echten" Ungarn und ein paar Alibi-Roma aus benachbarten Siedlungen. Die Trennung zieht sich konsequent durch den Schulalltag, von der Pause bis zum Mittagessen werden die Gruppen getrennt. Dabei hat Gyöngyöspata bei weitem nicht genug Schüler, um immer zwei Klassen einzurichten. Deshalb werden die Roma auch schon mal jahrgangsübergreifend unterrichtet. Ein Zyniker, der dabei von kleiner Gruppengröße und Intensivunterricht spricht. Segregation auf Ungarisch? Árpádheit!

Donnerstag, 1. März 2012

Devecser & Kolontár

Auf dem Rückweg von Ajka über Veszprém habe ich heute einen Umweg über Devecser und Kolontár gemacht. Ich war mir nicht sicher, ob man da überhaupt überall durchfahren darf, aber sogar die Straße am Schlammbecken entlang war nicht mehr gesperrt.
In Devecser sind selbst entlang der Hauptstraße noch nicht alle Spuren der Rotschlammkatastrophe beseitigt, gleich nach der Brücke kommt eine Brachfläche und erst dann eine nagelneue Grünanlage. Man beachte an der Ortseinfahrt das zusätzliche Ortsschild in Széklerrunen. Dafür war offensichtlich noch genug Geld übrig.
Der Straßengraben zwischen Devecser und Kolontár ist rot, und ab dem Schlammbecken liegt auf allem eine feine rote Staubschicht.
Das folgende Video ist kein Actionfilm sondern zeigt nur meine kleine Runde durch die beiden Dörfer.

Freitag, 24. Februar 2012

2012-08: Nur heiße Luft

In Syrien wird die oppositionelle Stadt Homs in Schutt und Asche gelegt, Massaker werden verübt, selbst westliche Journalisten sind nicht sicher. Russland und China blockieren wie immer aus Taktiererei alle Versuche, Assad Einhalt zu gebieten, und die Welt steht am Spielfeldrand und schaut zu. Was das mit Ungarn zu tun hat? Es rückt die Verhältnisse ins richtige Licht. 
In Ungarn wurden lediglich ein paar Roma erschossen, kümmert doch kein Schwein. Und Journalisten werden hier höchstens entlassen, oder ihnen werden die Frequenzen weggenommen. In Lebensgefahr sind sie nur, wenn sie sich zu Tode hungern, selber schuld. Ungarn hat keinen blutrünstigen, brutalen Diktator an der Staatsspitze, sondern nur einen Plagiator und einen demokratisch gewählten Ministerpräsidenten mit lupenrein demokratischen, aber halt konservativen Ansichten. Das stört doch nur ein paar linke und liberale Nervensägen. Völlig irrelevant. Niemand interessiert sich für Ungarn, nur die Ungarn. Und deshalb stimmt wohl, was immer wieder zu hören ist: Nur die Ungarn selbst können sich aus dieser Misere befreien, von außen wird ihnen niemand zu Hilfe kommen.

Klar, auf europäischer Ebene gibt es zaghafte Versuche, Orbán in seine Schranken zu weisen. Wer hätte gedacht, dass die Europäische Kommission die Demokratie verteidigt, wo sie doch selbst ein zutiefst undemokratisches Organ ist. Aber was kann Europa schon ausrichten? Danny kann sich in Rage reden. Das macht er gut, und er rüttelt die Leute auch auf. Für ein paar Minuten. Und die Kommission kann mit Sanktionen drohen. Aber diese Drohungen kommen nicht von einem arroganten, anmaßenden Drachen, sondern leider von einem zahnlosen Tiger. Ein Drache könnte wenigstens Feuer spucken und Orbáns Augenbrauen wegkokeln. Aber selbst die eingefrorenen 500 Mio aus dem Kohäsionsfonds wird die Kommission am Ende noch freigeben müssen, wenn sie im Rat keine Mehrheit für ihr Vorgehen findet. Und das wissen alle Beteiligten. Am Ende des Tages wird es auch Gespräche zwischen Orbán, EU und IWF geben, denn niemand kann ein Interesse daran haben, dass es zum Staatsbankrott und zum Schuldenschnitt kommt, der die Erste-Bank und etliche andere Institute an den Rand des Ruins bringen würde.

Deshalb ist verständlich, dass Andor László dem leeren, symbolischen Akt nicht beiwohnen wollte, als die Kommission Orbán mit dem Federkissen auf die Finger schlug. Rehn sagte ja selbst, dass das Einfrieren der Förderung als Anreiz gedacht sei und nicht als Strafe. Noch sanfter geht's nicht. Und trotzdem kann Orbán seinen dummen Beissreflex nicht bändigen, schimpft die Kommission als blöd und verständnislos und schickt innerhalb von vier Stunden eine Stellungnahme. Es geht doch, warum musstet ihr denn bei der letzten Stellungnahme bis zur Deadline warten? Soso, die Kommission handelt widerrechtlich und unfair, weil sie Sanktionen gegen ein für die Zukunft angenommenes Ereignis vorausnimmt. Ja, das ist fast so unfair wie rückwirkende Gesetzgebung, Viktor. Und es ist der Höhepunkt der Orbán'schen Doppelsprechs, am Montag das Parlament für die Teilnahme am Fiskalpakt abstimmen zu lassen und am Mittwoch schon wieder über Brüssel zu schimpfen.

Damit am Ende alle ihr Gesicht wahren, wird die Kommission die 100 Seiten Rechtfertigung durchblättern, die Orbán letzte Woche nach Brüssel geschickt hat, ein paar kleine Änderungen fordern, die nicht sonderlich schmerzen, und dann ist gut. Wie soll sich auch jemand ernsthaft mit einem Dokument auseinandersetzen, das vermutlich genauso fachmännisch übersetzt wurde wie das Flugblatt zu das Film "Csak a szél"?
Vielleicht dürfen anschließend ein paar Richter ein paar Jahre länger bleiben, vielleicht müssen die Lehrer ihre Emailadressen nicht an Hoffmann Rózsa schicken. Aber das werden nur Feigenblätter sein. Denn Orbán hat in Europa trotz allem noch mächtige Freunde. Assad hat Putin und die Chinesen, Orbán hat zum Beispiel Stoiber. Beim Jubiläum des deutschen Wirtschaftsclubs meinte der, Deutschland müsse Ungarn dankbar sein für seinen Beitrag zur Wiedervereinigung, und das sei nicht nur eine Phrase. Aber muss denn Dank bedeuten, dass man Orbán die Stange hält? Wäre es nicht vielmehr ein Zeichen der Dankbarkeit, auf demokratische Verhältnisse in dem Land zu drängen, dass den Ostdeutschen die Demokratie ermöglicht hat?

Aber wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese Worte beim Wirtschaftsclub gefallen sind, wo KDNP-Greise aus dem Ländle die Strippen ziehen. Geld stinkt nicht. Und solange Orbán für stabile Produktionsbedingungen sorgt, mit einem neuen Sklaven... äh... Arbeitsrecht, mit Subventionen, umdeklarierten Naturschutzgebieten in Győr und einem Steuersatz von 16% für die Manager, wer will sich da schon über Demokratieabbau beschweren. Die Manager sprechen entweder sowieso kein Ungarisch oder haben keine Zeit, Klubrádió zu hören oder sich Bayer Zsolt zuzumuten, diesen an Krätze leidenden Idioten, diese personalisierte stinkende Hurenlüge aus dem Mund einer gemeinen Sau. Nein, das sind zum Glück nicht meine Worte, dafür müsste ich mich schämen. Das ist original Bayer Zsolt, Orbáns guter Freund, von dem sich zu distanzieren er es nicht nötig hat.

Aber am Ende tut man den Managern vielleicht Unrecht. Geld ist doch nicht alles, auch das politische Umfeld spielt eine Rolle. Für manche Investoren ist Ungarn noch zu westlich und zu demokratisch. Das erste chinesische Autowerk in Europa? Pustekuchen, die große Mauer steht jetzt in Bulgarien. Soviel zur vielbeschworenen Völkerfreundschaft mit der Volksrepublik. Und ein Erdgaspufferlager wird es Pusztaföldvár auch nicht geben, denn Gazprom ist ausgestiegen. Vielleicht ist der Puszta-Putin auch dem großen Putin nicht ganz geheuer. Oder vielleicht nervt es ihn, dass Ungarn auf zwei Pipelines gleichzeitig tanzt, auf SouthStream und Nabucco. Die nationale Energiestrategie kann jedenfalls bald nur noch auf Paks bauen, eine strahlende Zukunft. Denn Geothermie, Windkraft, Solarenergie... das ist so dezentral, so basisdemokratisch, da stecken bestimmt die Grünen und die Sozialisten dahinter!

Dabei sind die "Grünen", oder besser das, was man im Ausland dafür hält, gerade erst laut ihre Planspiele durchgegangen, die einen deutlichen Willen zur Macht zeigen: Zu einer Koalition mit Fidesz wäre LMP bereit, wenn man damit nach der nächsten Wahl an die Macht kommen kann. Welchen Sinn haben solche Verlautbarungen zur Halbzeit? Hauptsächlich will man sich wohl von den Sozialisten abgrenzen, nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Leider gilt das in diesem Fall nicht, denn Orbán hat keine Freunde außerhalb von Fidesz, und vielleicht auch dort nicht. Bayer Zsolt mal ausgenommen. LMP macht sich mit solchen Gedankenspielen jedenfalls langsam überflüssig.

Fast so überflüssig wie Dúró Dóra, die niedliche Jobbik-Sprecherin, die mit ihrem parteiinternen Nachwuchs hausieren geht und die wie Deanna Troi immer nur das Offensichtliche erklärt. Inzwischen hat jeder im rechten Lager gemerkt, dass es eine blöde Idee ist, das Wahlrecht mit der Anzahl der Kinder zu verknüpfen, weil dann ja die Roma im Vorteil wären. Also warum nicht das Wahlrecht an ein Grundbildungsniveau knüpfen? Angeblich sind ja viele Jobbik-Wähler studierte Leute, auch wenn man das kaum glauben mag. Nach Dúrós Willen müsste in Zukunft dann jeder Wahlbürger vor der Stimmabgabe einen Intelligenztest machen oder einige Fragen zur Allgemeinbildung beantworten, bevor er oder sie in die Wahlkabine darf. Der Wahlzettel wird dann selbstverständlich in Széklerrunen gesetzt sein, denn die gehören nach Dúrós Meinung ebenfalls zur Allgemeinbildung und sollten in der Schule gelehrt werden. Gleich nach dem Reitunterricht, den Fidesz einführen will. Ob Novak Előd dann überhaupt wählen gehen darf ist fraglich, schließlich kann er noch nicht mal richtig Feuer machen. Schon ärgerlich, so ein flammhemmender Flaggenstoff.

Überhaupt, die Allgemeinbildung. Wo soll das hinführen mit Tante Rózsa? Inzwischen sind die Studierenden ja schon zu zaghaftem Widerstand gegen die Staatsgewalt bereit und haben für ein paar Stunden die juristische Fakultät der ELTE besetzt. Rózsa will natürlich trotzdem nicht mit sich reden lassen und beschuldigt die Opposition, die Studenten zu unterstützen. Ojemine, was für eine bodenlose Unverschämtheit der Opposition, wie kann sie nur. Rózsa, Du hast sie nicht alle. Daran, dass die Studierenden die Uni noch am gleichen Abend geräumt haben, sieht man, dass hier noch Anfänger am Werk sind. Aber Protestkultur muss geübt werden, und langsam kommt das Land in Übung. Denn wie oben schon einmal erwähnt: Ungarn kann sich nur selber retten. Lest mehr Thoreau!

Die BKV kommt auch langsam in Fahrt. Nein, nicht die Busse, sondern der Protest. Nach zwei Demonstrationen nebst Sternmarsch wird nun laut über einen Streik nachgedacht. Die Bediensteten kämpfen nach der Kündigung der Kollektivverträge nicht nur um ihre Gehälter. Die könnte man leicht aufbessern, wenn man die 500 Mio. Forint Boni auf die Bus- und Bahnführer verteilen würde anstatt auf ein paar fette Säcke, die den Hals nicht vollkriegen können. Nein, die Leute wollen auch auf die prekären Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Wer hat schon Lust, täglich mit dem Wissen in die Metro zu steigen, dass man vielleicht noch vor Schichtende gut durchgeräuchert wieder aus dem Tunnel getragen wird? Tarlós will nun tatsächlich einen langfristigen Finanzierungsplan vorlegen. Tatsächlich, einen Plan? Und sogar langfristig? Die Metro 4 wird vermutlich eher fertig als dieser Plan. Horváth Csaba ist sich deshalb sicher: Die BKV wird absichtlich geschleift, um sie anschließend wie die Malév abwickeln bzw. privatisieren zu können. Und Tarlós ist auch nichts anderes als eine weitere Marionette.

Die letzte Malév-Maschine hat unterdessen nach ihrer Wartung ebenfalls das Land verlassen. An Bord waren die 100 Ärzte, die laut Statistik diesen Monat das Land verlassen haben, wie bereits im Vormonat und im Vorvormonat und so weiter. An der Semmelweiß-Uni hat man ausgerechnet, dass Ungarn in den letzten fünf Jahren 4.000 Ärzte verloren hat. Kann man die nicht auch besser an die heimatliche Scholle binden? Mit Ausreiseverboten oder so? Aber egal, auch die wird man bald zur Kasse bitten, wenn eine Sonderabgabe für diejenigen eingeführt wird, die im Ausland arbeiten aber weiterhin in Ungarn gemeldet sind. Doppelbesteuerungsabkommen? Stört uns doch bitte mit solchen Lappalien. Wir brauchen das Geld. 16% sind toll, aber davon können wir nicht leben.

Gerade die 16% Flat Tax könnten sowieso noch zu einem Problem für Orbán werden. Denn selbst wenn er mit einigen Feigenblättern die EU an den Verhandlungstisch bekommt, hat der IWF noch seine eigene Agenda. Und die sieht vor, dass man das Geld, das man in Ungarn investiert, auch eines Tages wiedersehen möchte. Mit einem gigantischen Steuerloch ist das nur schwer vorstellbar. Also weg mit der Flat tax und zurück zum progressiven Steuersystem. Mit wenigen Projekten hat sich Orbán so sehr identifiziert wie mit der Flat Tax. Wenn der IWF tatsächlich die Daumenschrauben ansetzen sollte, wird Orbán dann weiterhin an seinem Stuhl kleben oder zusammen mit seinen 16% in die Geschichte eingehen? Wie wir aus Erfahrung wissen, übersteigt sein Wille zur Macht jedes Anstandsgefühl. Machen wir uns keine Hoffnung. Wenn alles nach Plan läuft, wird Lagarde schon längst in Rente sein, während Orbán noch immer abends nach Feierabend im Parlament mit der Krone auf dem Kopf vor dem Spiegel posiert. Armes Ungarn.