Freitag, 17. September 2010

2010-37: Gefallene Engel auf goldenen Brücken

Die neue Regierung ist nun 100 Tage im Amt, und Orbán Viktor hat aus diesem Anlass mehrere Reden gehalten. Und während er die Situation schön redete, sackte der Forint gegenüber dem Schweizer Franken auf ein neues Rekordtief. Damit hat der Forint gegenüber dem Franken in diesem Jahr bereits um 16% nachgeben. Das Problem ist, dass 66% der privaten Kredite in Ungarn in Franken aufgenommen wurden, es soll sich um ein Volumen von 30 Milliarden Euro handeln. Schätzungsweise 730.000 Bankkunden müssen nun viel höhere Zinsen und Tilgungen zahlen als ursprünglich geplant. Und während die Politiker eigentlich helfen wollen und nicht wissen wie, gibt es beim Fidesz einige Spezialisten (Kósa Lajos), die mit ihren unbedachten Äußerungen den Forint erschüttern. Wer an der Regierung ist und öffentlich Ungarn mit Griechenland vergleicht, sollte wissen, dass er mit Feuer spielt.

Die Ratingagenturen jedenfalls sind sehr nervös. S&P hat im Sommer Ungarn bereits auf das niedrigste Level BBB- zur Investitionsempfehlung gesetzt und spricht nun davon, dass Ungarn zu einem gefallenen Engel werden könnte. Markige Sprüche, dass man dem Willen der Wähler folgt und nicht dem Willen der Agenturen, werden Fidesz nicht weiterbringen. Es ist schön, dass das Haushaltsdefizit nun in 2011 auf 3% gesenkt werden soll, nachdem die EU erheblichen Druck ausgeübt hat. Es fehlen aber noch sichtbare und brauchbare Strategien, wie das bitte schön geschehen soll.

Sparen ist sicherlich eine der besten Maßnahmen. Die Budapester Verkehrsbetriebe BKV machen es vor und kaufen wieder gebrauchte Straßenbahnen ein. 16 weitere Düwag-Straßenbahnen vom Hannoveraner Typ TW6000 sollen demnächst auf Budapester Schienen unterwegs sein, zusätzlich zu den 68 Zügen, die hier schon seit 2001 fahren. Kostenpunkt: 35.000 € je Zug. Vielleicht sollten sich die BKV auch nach gebrauchten U-Bahnen umschauen, wenn die neuen Wagen von Alstom nichts taugen.

Gespart wird in Ungarn auch an festen Mitarbeitern. Lieber beschäftigt man z.B. Buchhalter als unabhängige Dienstleister, dann fallen keine Sozialabgaben für den Arbeitgeber an. Es gibt 1 Millionen eingetragene Unternehmen im Land, und das bei 10 Millionen Einwohnern. Aber nur 7% dieser Unternehmen beschäftigen fünf oder mehr Mitarbeiter, und ebenfalls nur 7% erwirtschaften mehr als gut 7.000 € Gewinn im Jahr. Also mehr Schein als Sein - Scheinselbständigkeit.

Bei so vielen schlechten Nachrichten hilft eigentlich nur Auswanderung. Einer aktuellen Gallup-Umfrage zufolge hätte Ungarn einen Bevölkerungsrückgang von 15% zu verzeichnen, wenn es keine Grenzen gäbe und jeder leben könnte, wo er will. Polen, Sri Lanka, Aserbaidsan und Georgien liegen auf der gleichen Stufe. Es gibt da zwar noch Länder wie Sierra Leone mit 56% Abwanderung oder Haiti mit 51%. Vergleichbarer sind Litauen mit 17% hypothetischer Abwanderung, Ukraine mit 20% oder Rumänien mit 21%. Aber Pakistan (8%), Laos und Ruanda (9%), Weissrussland (11%) und selbst Irak (14%) liegen in der Beliebtheit noch vor Ungarn... Das zeigt sich auch in einer aktuellen Umfrage unter Studenten: Ein Drittel aller Studenten will später ins Ausland gehen.

Wer nicht auswandern will oder kann, muss sich in Gleichmut üben. Der Dalai Lhama hilft dabei sicherlich gerne, deshalb redet er dieses Wochenende in der Papp László Arena über den Buddhismus und den Weg zum Glücklichsein. Wem diese fernöstlichen Weisheiten zu suspekt sind, der wird sich freuen, dass auch das gute alte Christenum in Ungarn gestärkt werden soll. Wenn es nach Staatspräsident Schmitt Pál geht, der letzte Woche bei Ratzinger war, soll die neue Verfassung, an der Fidesz arbeitet, explizit das Christentum erwähnen, quasi als Staatsreligion. Da bleibt Säkularisten und Atheisten nichts anderes übrig, als Gyurcsányi Ferenc zu unterstützen, der gewissermaßen als Zombie wieder durch die Politik geistert und die "89er"-Bewegung ausgerufen hat, als Sammelbecken aller Unterstützer der Verfassung von 1989.

Fassen wir zusammen: Ratingagenturen werden per Dekret abgeschafft, alle Sozialisten und Fidesz-Gegner wandern aus, und mit päpstlicher Hilfe wird das Haushaltsdefizit auf unter 3% gedrückt, das erste offizielle Wunder, das Ratzinger zur Heiligsprechung braucht. Wenn das keine goldene Zukunft ist. Schön, dass auch die Margaretenbrücke in Zukunft golden glänzen wird. Dann können Schmitt, Ratzinger und Orbán Hand in Hand über die aranyhíd in den Sonnenuntergang schreiten.

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