Freitag, 24. September 2010

2010-38: Schulmilch und Stopfleber

Der Zwergenaufstand ist bereits vorbei: Ungarn wird im nächsten Jahr das Haushaltsdefizit unter 3% des Bruttoinlandprodukts drücken. Das hat Superminister Matolcsy der EU zugesichert. Geschafft werden soll das unter anderem mit einer neuen Bankensteuer.
Und wenn die Regierung Glück hat, sind 3% vielleicht bald auch gar nicht mehr 3%, denn insgesamt acht Unionsstaaten haben den Wunsch geäußert, die Berechnungsmethode für das Defizit zu ändern. Zur Zeit werden die enormen Zusatzausgaben der osteuropäischen Staaten für die Einführung privater Rentenkassen nicht als außer der Reihe gewürdigt. Orban nannte im Umfeld des EU-Gipfels in Brüssel die derzeitigen Berechnungsregeln diskriminierend.

Aber selbst wenn sich mit neuen Regeln nicht schummeln lassen sollte - Die Wirtschaftsnachrichten sind gut. Allein die großen Schlagzeilen der letzten Tage: Ein Schelm, wer sich im Wahlkampf Böses beim Timing denkt. Opel investiert 500 Millionen Euro in neue Motorenproduktionslinien in Szentgotthard. Audi investiert 900 Millionen Euro, um in einem Naturschutzgebiet neue Produktionshallen für die gesamte A3-Familie hochzuziehen. Mercedes baut auch fleißig an seiner Fabrik in Kecskemét und sucht verzweifelt mit ganzseitigen Anzeigen in der HVG nach qualifizierten Mitarbeitern. Und PEZ errichtet ein neues Werk in Jánossomorja. PEZ? Ja, genau! Die mit den hochklappenden Köpfen auf den Bonbonspendern. 2.000 Tonnen Süßigkeiten sollen dort ab 2011 vom Band rollen.

Das ist eine gute Nachricht für die 140.000 ungarischen Schulkinder, die nach einer aktuellen Studie als unterernährt gelten, 20.000 davon hungern regelrecht. Eigentlich darf soetwas in einem Land der Europäischen Union nicht vorkommen, hier fließen doch Milch und Honig. Stimmt aber nicht, die Milch fließt nicht mehr. Denn das Schulmilchprogramm der EU läuft langsam aus, und selbst zu Zeiten der Förderung haben die 7 Millionen Euro, die Ungarn jährlich erhalten hat, nur zur Speisung von 10% der Kinder ausgereicht. Das ist die Chance für PEZ, die junge Klientel gleich auf dem Schulhof mit 2.000 Tonnen Zucker an sich zu binden.

Vielleicht ist das alles aber auch nur ein perfider Plan, möglichst passende Kandidaten für den Wettbewerb "Elite Model Look Hungary" heranzuzüchten, denn um dort gewinnen zu können, muss man wohl eine anorexische 14jährige mit hervorstechenden Rippen sein. Die Veranstalter redeten sich mit "petite" heraus, aber tatsächlich hilft diesem Mädchen vermutlich nur ein Kuraufenthalt auf einer Stopfleberfarm.

Da wird sie dann mal über Lust und Laune hinaus bis hin zur Quälerei sattgestopft. Den Tieren macht das nichts, behauptet der Züchterverband, die Stopfmast sei vielmehr eine Wohltat für die Gänse. Vermutlich glauben die das nicht mal selbst. 1.769 Tonnen Gänseleber hat Ungarn in 2009 produziert, und 90% davon kamen später als "echt französisch" auf den Teller. Eingebracht hat das 24,5 Millionen Euro, und angeblich hängen 20.000 Arbeitsplätze an diesem Kulturgut. Naja, wenn's den Tieren ja nicht schadet, warum nicht auch mal an bulimischen Teenagern testen.

Nein, man sollte darüber keine Witze machen, es haben sich schon genug Kinder zu Tode gehungert, nur um wie Kira Knightley auszusehen. Und noch mehr Todesfälle kann Ungarn auf keinen Fall gebrauchen. Ende Juli war die magische Zahl von 10 Millionen Einwohner fast schon erreicht, es mussten nur noch 1.000 Ungarn den Löffel abgeben. Mittlerweile dürfte die Bevölkerung auf eine siebenstellige zahl geschrumpft sein. Der Saldo aus Geburten und Todesfällen lag in den ersten sieben Monaten des Jahres bei ca. -22.000.
Darunter sind zahlreiche Suizide zu finden, denn Ungarn führt die weltweite Selbstmordstatistik zwar nicht mehr an, nimmt aber immerhin noch den fünften Platz ein mit einem Suizid alle 30 Minuten.
Manchmal sind in Ungarn auch die Tiere suizidgefährdet. In Kecskemét hat sich diese Woche eine Ziege (kecske) in einen Brunnen gestürzt und ihrem Leben damit selbstbestimmt ein Ende bereitet, in einigen Wochen wäre sie geschlachtet worden.

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