Freitag, 22. Oktober 2010

2010-42: Hungrig, pleite, aber echte Ungarn!

Wenn ich einer Bank mein Geld anvertraue und sie bitte, es an meine Versicherung zu überweisen, dann kann ich mich darauf verlassen, dass sie es tut. Wenn sie das Geld für sich behält, ist das Diebstahl. Da kann die Bank noch so oft beteuern, dass sie sich das Geld ja nur für eine Weile geliehen hat. Wenn der ungarische Staat 8% der Bruttogehälter nicht an die privaten Rentenversicherer weiterleitet sondern in den eigenen Haushalt, dann ist das nichts anderes: gemeiner Diebstahl. Wer glaubt denn schon, dass das Geld in 14 Monaten auf einen Schlag nebst Zinseszinsen zurückgezahlt wird? Niemand, sicherlich nicht mal OV. Ich frage mich, wie der Herr Ministerpräsident sich auf's Alter vorbereitet. Aber vermutlich ist sein Finanzpolster ohnehin dick genug.

Während dessen gelten 25% der Ungarn offiziell als "hungernd". Kriterium: Wer sich nicht jeden zweiten Tag Fleisch leisten kann, muss hungrig sein. Nun könnte man fragen, ob Vegetarier denn unter Dauerhunger leiden. Wer sich fleischlos ernährt, ist deshalb noch nicht bedürftig. Allerdings liegt die Betonung auf "leisten können". Wer sich das Fleisch nicht leisten kann, unabhängig davon, ob er es überhaupt will oder nicht, dem fehlt wirklich etwas, und zwar eine Kaufkraft, die man in einem entwickelten Land der EU eigentlich erwarten können müsste.

Gut, dass sich trotzdem noch jeder ein eigenes Handy leisten kann, oder auch zwei, oder auch drei. Aber ob das so bleibt? Immerhin gibt es jetzt die Krisensteuern der Regierung, explizit für Unternehmen der Energieversorgung und Telekommunikation. Weil die nämlich in der Regel ausländische Firmen sind, Vodafone, Eon und Co. Die Vorgängerregierung hat angeblich unvorteilhafte Verträge mit der Energiewirtschaft abgeschlossen, die das Land 178 Mrd. Forint gekostet haben. Sagt OV, nennt aber keine Details. Aber ein guter Grund, sich das Geld per Steuer zurückzuholen.
Langsam wird es aber klamm in den Kassen, denn die ungarische Telekom ist auch noch mit einer Wettbewerbsstrafe von ca. 730.000 Euro belegt worden, wegen eines kostenpflichtigen SMS-Gewinnspiels, mit dem sie den SMS-Versand ankurbeln wollte. Vielleicht müssen wir bald wieder auf diese grauen Kästen mit Kabel und Wählscheibe zurückgreifen.

Die Krise fordert noch weitere Opfer: MÁV und Volán werden nun offiziell zusammengelegt. Ziel ist es, 5% Verwaltungskosten zu sparen. Tarlós möchte auch gerne die BKV noch in dieser Holding unterbringen. Wie damit gespart werden kann, ist allerdings schwer einzusehen. Jede Teilgesellschaft braucht sicherlich weiterhin einen Bereichsleiter, oben drüber kommt dann noch ein neuer, gut bezahlter Vorsitzender der Holding (unbedingt mit Fidesz-Parteibuch), nebst Sekretärin, Dienstwagen, Stabsabteilung... Naiv, wer glaubt, dass diese Leute mit Volánbusz und BKV zur Arbeit fahren!

Mit der neuen Alstom-Metro werden sie auf absehbare Zeit auf keinen Fall fahren können, denn BKV hat den Vertrag mit den Franzosen gekündigt, nachdem technische Probleme mit dem Bremssystem trotz mehrfacher Mahnung nicht behoben wurden. Alstom hat sich rechtliche Schritte vorbehalten. Auch das ist ein Geschäftsmodell: Wir klagen uns einfach den Umsatz zusammen, sei es in Budapest oder im Eurotunnel. Auf die Metro 4 können wir jetzt jedenfalls noch eine Weile warten.

Die MÁV wiederum bekommt gerade Post von Anwälten aus den USA, wo Holocaust-Überlebene nun Klage einreichen gegen den ungarischen Staat und die Staatseisenbahn, denn immerhin wurden die Leute mit Zügen nach Auschwitz und in die anderen Lager transportiert. Warum gerade jetzt geklagt wird, ist mir nicht bekannt, schließlich ist der eiserne Vorhang bereits seit 20 Jahren weg. Aber jetzt drängt die Zeit auf jeden Fall. Erstens gibt es bald keine überlebenden Überlebenden mehr, und zweitens ist bei der MÁV täglich weniger zu holen. Und mit der neuen Holding und ein paar juristischen Tricks könnte sich die MÁv vielleicht auch aus der Rechtsnachfolge der ungarischen Reichsbahn stehlen.

Das könnte sogar für den ungarischen Staat selber funktionieren. Sobald die neue Verfassung in Kraft tritt, wird dieses Land ein ganz anderes sein als heute. Wie hier schon einmal erwähnt, wird es eine christliche Verfassung, mit Bezug auf die heilige Krone. Die Verfassung ist für alle Ungarn, auch außerhalb der Staatsgrenzen, dafür aber nicht für dieses zusammen mit den Türken eingewanderte Lumpengesindel, das höchstens noch in Restaurants an der Geige geduldet wird. Entschuldigung, so spricht das natürlich bei Fidesz niemand aus, dafür hat man Jobbik. Gemeint sind natürlich, politisch korrekt, die Roma.
Und Ratzinger dürfte besonders glücklich sein, das die sogenannte Homo-Ehe explizit in die Verfassung aufgenommen wird - als verboten, weil teuflisch. Naja, ob das Wort "teuflisch" vorkommen wird, weiss ich nicht. Aber inhaltlich verteufeln Fidesz und KDNP ohnehin alles, was nicht erzkonservativ ist, was nicht zum Credo "Familie, Tradition und Nation" passt. Sogar das Fernsehprogramm muss sich in Zukunft nach entsprechenden Passagen in der Verfassung richten. Herzlichen Glückwunsch. Wäre da nicht das verflixte Internet, in dem die Leute weiterhin sagen und lesen und sehen können, was sie wollen. Aber ich bin sicher, auch dafür wird OV eine Lösung finden. Bis dahin gibt's hier weiterhin den Wochenrückblick...

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