Freitag, 1. Oktober 2010

2010-39: Toleranz für Schwarzbrenner und seltsame Namen


Am Sonntag ist in Deutschland bekanntlich mit den letzten Reparationszahlungen der erste Weltkrieg offiziell beendet, so kurious das klingen mag. In Ungarn noch lange nicht. Nem, nem, soha! Solange auf jedem zweiten Auto ein großungarischer Sticker klebt, wird die Volksseele wohl nicht zur Ruhe kommen und sich weiterhin wünschen, auch die westrumänischen Arbeitslosen in Klausenburg und Hermannstadt durchfüttern zu dürfen. Es ist tatsächlich so, dass die Siegermächte sehr grobschlächtig auf der europäischen Landkarte herumgekritzelt haben, aber irgendwann muss auch der letzte Revisionist akzeptieren, dass er die Uhr nicht zurückdrehen kann.

Da ist es eigentlich lobenswert, dass die neue Regierung sich mit den Nachbarn aussöhnt. Mit den Rumänen will man Gas aus Aserbaidschan holen, mit den Slowaken politisch auf europäischer Ebene eng kooperieren. Und man will sich um die Minderheiten in Europa bemühen. Das hat Schmitt vor der UN-Vollversammlung erzählt und auch gleich verkündet, ein Tom Lantos Institut für die Minderheitenforschung einzurichten. Der Name ist Programm, es geht natürlich vor allem um die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern und überall auf der Welt, weniger z.B. um Roma in Ungarn.
Jobbik ist das Institut trotz der nationalen Ausrichtung ein Dorn im Auge, denn Lantos hatte sich in den USA vehement für eine Visumsperre für Garda-Mitglieder eingesetzt. Und die Garda ist nunmal die Seele und das Rückgrat von Jobbik. Wie sonst soll man Juden und Roma Angst einjagen, wenn nicht mit ein paar besoffenen Hohlköpfen, die sinnlos herummarschieren und prügeln?

So ärgerlich es ist, der oberste Gerichtshof hat Jobbik diese Woche sogar Recht gegeben und der Meinungsfreiheit einen höheren Stellenwert eingeräumt als dem gesunden Menschenverstand und der Toleranz. Jobbik hat durchgesetzt, dass seine Wahlwerbespots vom Staatsfernsehen ausgestrahlt werden müssen, in denen von Zigeunerverbrechen die Rede ist, unreflektiert und plump wie immer. Dazu kann man nur sagen: Toleranz wird dort zu Drückebergertum, wo Intoleranz geduldet wird. Jobbik hat keine Toleranz verdient. Aus dem rechten Lager kamen sogar schon höhnische Forderungen nach Strafverfolgung für alle, die die Existenz von Zigeunerverbrechen leugnen. Ein bösartiger Schelm, wer bei solchen Forderungen an den Umgang der Rechten mit dem Holocaust denkt.

Man fragt sich, was die Jobbos wohl über Tony Curtis denken, der diese Woche gestorben ist. Normalerweise kann jeder Ungar mit stolzgeschwellter Brust auswendig all die Leute ungarischer Abstammung aufzählen, die es außerhalb von Ungarn zu etwas gebracht haben. Die meisten verschweigen dabei, dass diese Helden vorher ausgewandert waren oder sogar vertrieben wurden. Tony Curtis war einer von ihnen, auch wenn die Legende, sein Name wäre eine Anglisierung von Kertéz, wohl nicht stimmt. Seine Eltern waren Juden und stammten aus Mátészalka, und Curtis war 1988 Mitbegründer der Emanuel Stiftung, die den Wiederaufbau der Synagoge in der Dohány utca in Budapest unterstützt hat. Kein "role model" für Jobbos.

Jetzt habe ich mich wieder in Rage geschrieben, dabei habe ich über das neue Mediengesetz noch kein Wort verloren. Eigentlich kann jetzt nur noch ein Pálinka helfen, mich über diese düsteren Seiten von Ungarn hinwegzutrösten. Zum Glück darf ich den jetzt ganz legal zuhause brennen, und zwar bis zu 50 Liter 86%igen bzw. 400 Liter 50%igen. Allerdings nur für den Eigenbedarf. Der Pester Lloyd fragt ganz berechtigt, ob wohl 400 Liter die normale Verbrauchsmenge in einem ungarischen Haushalt sind. Mag sein, vor allem auf dem Lande legt auch heute noch der erste Pálinka am Morgen erstmal die Basis für's Frühstück. Aber wahrscheinlich hat man sich im Ministerium ein wenig verrechnet, weil die Jungs schon ein paar Pálinka intus hatten.

Die heimische Alkoholproduktion hat aber auch ihre Tücken. Methanol möchte keiner gerne in seinem Pálinka sehen bzw. nicht mehr sehen können, und Kohlendioxid ist auch nicht zu unterschätzen. Das Gas entsteht vor allem, wenn bei der Weinherstellung Traubenmost vergoren wird. Wenn man seine Maische im Keller lagert, sollte man entweder einen Kanarienvogel oder eine brennende Kerze mit hinunter nehmen und sofort fliehen, wenn die Kerze erlischt oder der Vogel umkippt. Ein älteres Ehepaar in Dávod bei Mohács hat diese Regeln ignoriert und ist im eigenen Weinkeller an Kohlendioxidvergiftung gestorben.

Ebenfalls für den Eigenbedarf hat ein 25jähriger aus Alsóújlak Pilze gesammelt und dabei die falschen Knollen gepflückt. Für ihn endete der Schmaus tödlich, sechs Familienmitglieder landeten unter anderem auf der Intensivstation. Dabei gibt es auf jedem größeren Markt und in den Markthallen Pilzbegutachter, die man bei den selbstgesammelten oder den gerade bei einem alten Mütterchen eingekauften Pilzen um Rat fragen kann, damit soetwas nicht passiert.

Nun zu einer ganz kruden Überleitung: Genauso schlecht wie die Pilzkenntnisse vieler Ungarn scheinen ihre Fremdsprachenkenntnisse zu sein. Einer aktuellen Veröffentlichung von Eurostat zufolge sprechen 74,8% der erwachsenen Ungarn keine Fremdsprache. Damit liegen die Ungarn in einer europäischen Rangliste nur noch vor den Rumänen und den Türken. Vielleicht gehen deshalb viele Politiker davon aus, dass es umgekehrt genauso ist und dass im Ausland niemand den Blödsinn versteht, den sie erzählen? Nur 5,8% der 25-64jährigen Ungarn behaupten von sich, dass sie eine Fremdsprache fließend sprechen. Bescheidenheit?

Immerhin ist man offen für andere Sprachen und Kulturen. Die ungarische Akademie der Wissenschaften hat die Liste der zugelassenen Vornamen nun auch um japanische Namen erweitert, nachdem letztens schon Frodo, Boromir und Gandalf zugelassen wurden. Neuester ungarischer Vorname: Nintendo!

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