Freitag, 8. Oktober 2010

2010-40: Roter Schlamm in der 0,25l-PET


Der rote Schlamm von Kolontár beherrscht seit Montag die Nachrichten. Nach dem Dammbruch am Rückhaltebecken hat die Brühe sieben Dörfer überschwemmt und inzwischen auch die Donau erreicht. Offiziell ist der pH-Wert der Donau bei Győr nur leicht erhöht, aber wir werden sehen, vielleicht schwimmen auch in der Donau bald die Fische mit dem Bauch nach oben.
Umweltstaatssekretär Illés, der letzte Woche noch nichts Wichtigeres zu tun halte, als den Bau genehmigter Straßen am Balaton zu stoppen, hat jetzt ein viel größeres Problem an der Backe. Und irgendwie bekommt man das Gefühl, dass die Regierung nicht genau weiss, was sie tun soll. Papcsák hat natürlich wieder nichts Besseres zu tun, als die mafiösen Strukturen der MÁL zu untersuchen und zu versuchen, Gyurcsáni irgendwie in die Sache mit reinzuziehen.
Es dürfte jedoch schwierig sein, hier die Schuld auf die Vorgänger abzuwälzen, denn der gebrochene Damm wurde erst vor zwei Wochen begutachtet. Und da die Regierung alle wichtigen Beamten und Staatsangestellten ausgetauscht hat, waren es wohl die eigenen Leute, die nichts zu beanstanden hatten.
Orbán Viktor wiederum stapft mit erschütterter Miene durch den Schlamm und schwafelt davon, dass Ungarn stark ist und keine Hilfe aus dem Ausland braucht. Naja, vielleicht wird man die reichen Auslandsungarn um Unterstützung bitten. Von den reichen Fidesz-Mitgliedern im Inland ist keine Rede. Naja, und man wird die Gelder der EU in Anspruch nehmen, die in einem solchen Katastrophenfall zur Verfügung stehen. Ungarn braucht sie nicht, aber da sie uns ja nunmal zustehen, warum sollen wir sie nicht mitnehmen. Das nennt man wohl Mitnahmementalität. Und das Verrückte ist: Die Auslandsungarn zahlen sogar. Die George-Soros-Stiftung hat bereits eine Million Dollar für die Opfer in Aussicht gestellt.

Wenn der Schlamm verschwunden ist, entweder in Mülldeponien oder im schwarzen Meer, muss man sich Gedanken darüber machen, was man in Zukunft mit den Bauxit-Abfällen machen will. Eine Möglichkeit wäre, damit Ostereier zu färben. Etwas Arsen oder Quecksilber machen keinen Unterschied mehr bei dem Medikamenten-Cocktail, den die Hennen in Legebatterien zu sich nehmen müssen und an ihre Eier weiterreichen. Ab 2012 darf es in der EU deshalb auch keine Legebatterien mehr geben, dann wird das Leben der Hühner etwas freundlicher. Nur die ungarischen Produzenten sind damit nicht einverstanden, weil auf sie angeblich Investitionen in Höhe von 80 Mio. Euro zukommen. Das können sich viele nicht leisten, denn der Eierpreis lässt keinen Spielraum für Rücklagen. Wenn man sich die Preise in Tesco, Auchan oder Cora anschaut, muss man sich tatsächlich fragen, wie davon ein Bauer überhaupt noch leben kann. Es geht schon lange nicht mehr um das Wohl der Tiere oder das Wohl der Kunden, sondern nur um den Gewinn der Konzerne.

Das ist bei der Gentechnik nicht anders, Saatgutkonzerne wie Monsanto sind berühmt-berüchtigt. Angeblich erschafft man neue Sorten, um den Welthunger zu bekämpfen. Aber wenn Bauern das Saatgut nicht nachzüchten können oder dürfen und jedes Jahr neu einkaufen müssen, und wenn die Pflanzen nur gegen das hauseigene Pestizid resistent sind, dann zeigt sich deutlich das wahre Geschäftskonzept.
In der EU gibt es eine Behörde zur Lebensmittelsicherheit (EFSA), die u.a. für die Genehmigung von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen zuständig ist. Die Präsidentin der EFSA ist eine Ungarin, Diana Bánáti. Genau wie Papcsák betreibt Frau Bánáti Ämterhäufung. Denn sie ist nebenbei noch Institutsleiterin und Professorin an der Corvinus-Universität in Budapest, und zufälligerweise auch Vorstandsmitglied des International Life Science Instituts, einer Lobby-Vereinigung der Gentechnikindustrie, die illustre Mitglieder hat, z.B. besagte Monsanto, Bayer, BASF, Dupont, Nestlé, Unilever... Das verträgt sich aber nun auch gar nicht mehr mit der Lebensmittelsicherheit in der EU, der Interessenkonflikt schreit einem geradezu ins Gesicht. Entsprechend fordern nun viele Stimmen in Brüssel die Absetzung von Frau Bánáti.

Auch Superminister Matolcsy kann sich in Budapest nicht mehr sicher fühlen auf seinem Stuhl, denn ausgerechnet das Haus-und-Hof-Blatt des Fidesz, Magyar Nemzet, spekuliert über seine Absetzung. Er hat seinen Job ja auch getan, hat in Wahlkampfzeiten kämpferisch EU und IWF vermeintlich auf die Plätze verwiesen und den Wählern gezeigt, dass Ungarn sich nichts gefallen lässt von Rating-Agenturen und anderem Gesocks. Vielleicht wird Matolcsy nun das Königsopfer, damit Orbán danach wieder mit dem IWF sprechen kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Morgan Stanley sieht das allerdings pessimistischer, dort geht man davon aus, dass Fidesz erst dann angekrochen kommen wird, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Und nun wieder die an den Haaren herbeigezogene Überleitung der Woche: Kriechen müssen auch die Kleinkinder in Szegeds größtem Spielwarenladen, wenn ihre Mütter dort einkaufen wollen. Denn dort sind Kinderwagen verboten, die müssen draußen geparkt werden. Ein vernünftiger Grund wird dafür nicht genannt, es sei eben Firmenpolitik. Kein Wunder, dass es bereits weniger als zehn Millionen Einwohner in diesem Land gibt.

Besonders christlich ist so eine Firmenpolitik auf jeden Fall nicht. Dabei hat das Állami Számvevőszék (ÁSZ) - State Audit Office - gerade vorgeschlagen, sowohl die heilige Krone als auch den Einfluss des Christentums auf die moralische Entwicklung der Nation in der neuen Verfassung zu erwähnen. Ich finde, man sollte diesen Einfluss nicht nur erwähnen sondern explizit alle wichtigen Punkte aufzählen, denn am Ende wird man sich fragen müssen, ob Judenverfolgung, Schwulenhass, Zölibat, Kindermissbrauch und Wissenschaftsfeindlichkeit wirklich positiv zur Moral der Nation beigetragen haben.

Nicht besonders christlich ist zum Beispiel die Diskriminierung der Roma in Ungarn. Das höchste Gericht Ungarns hat nun sogar die Meinungsfreiheit über die Menschenwürde gestellt und es Jobbik erlaubt, seine hetzerischen Wahlwerbespots über "Zigeunerkriminalität" senden zu lassen. Die Gewalt der aufrechten Ungarn gegenüber den Roma wird dabei gerne totgeschwiegen. Dabei sind es viele Roma, die inzwischen tot sind, weil sie in den letzten zwei Jahren Mordanschlägen zum Opfer gefallen sind. Eine Ausstellung in der Kunsthalle am Heldenplatz gibt diesen Opfern nun ein Gesicht. Der Pester Lloyd bringt es auf den Punkt: Bereits der Begriff "Minderheit" ist eine Diskriminierung, denn in diesem Land mit zehn Millionen Einwohnern (siehe oben) gibt es immerhin bis zu 800.000 Roma. Das ist natürlich rein rechnerisch keine Mehrheit, aber von einer Minderheit zu sprechen ist auch nicht korrekt.

Den Jobbos werden solche Feinheiten völlig egal sein, richtig rechnen können Gardisten sowieso nicht. Freuen dürfen die sich über den neuesten Energy-Drink auf dem Markt, der sie bei ihren Mahnwachen und Aufmärschen wachhalten wird: Der Wunderhirsch Energy-Drink (Csódaszarvas Energiaital) ist ein 100% ungarisches, nationalistisches und stolzes Gebräu in der 0,25l-Pfand-PET-Flasche mit Koffein, Taurin und einprägsamem Tutti-Frutti-Geschmack. Na, wenn das Hugo Egon Balder wüsste... Wieviel Gentechnik in diesem Wunderhirsch steckt, müssen wir Frau Bánáti fragen. Vielleicht wäre roter Schlamm gesünder.

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