Freitag, 15. Oktober 2010

2010-41: Spam-Defizit-Meister

Heute wollen wir nicht über den roten Schlamm reden. Nach dem ersten Aktionismus wird es nun ewig dauern, bis alle Folgen beseitigt und etwaige Schuldige gefunden und beweiskräftig verurteilt sind. Also noch viel Zeit, dieses Thema auszuwälzen. Aber erwähnt werden sollte, dass Bulgarien das erste Land war, das Ungarn in dieser Krise Unterstützung angeboten hat. Orbán war letzte Woche in Bulgarien und traf sich mit seinem bulgarischen Kollegen Borisov, wohl auch um sich über die bulgarischen Steuerreformen zu informieren. Eine Webpage titelt daher boshaft: "Thanks to Fidesz, Hungary may one day be as prosperous and clean as Bulgaria".

Und wie steht es nun tatsächlich um die Steuerreformen? Die Bankensteuer kommt, dafür gehen die Banken. Und viele andere Steuern sind im Gespräch, auch für den Otto Normalverbraucher. Das war zu erwarten. Währenddessen behauptet der Chef der Nationalbank, Simor András, dass der Forint noch 30% Abschwächung gegenüber dem Schweizer Franken ertragen könnte, bevor das System zusammenbricht. Die Stützung der betroffenen Kreditnehmer sei ein soziales bzw. politisches Thema, aber keine Notwendigkeit im Sinne der Stabilität des Finanzsystems. Hilfe für Frankenkreditnehmer solle nur vorübergehend sein und nur den Leuten zur Verfügung stehen, die wirklich halstief in Problemen stecken. Richtig so. Die Leute können nicht einfach erst spekulieren und eine Blase aufbauen, und dann darauf hoffen, dass der Staat sie mit Unterstützung auf Kosten der Steuerzahler rettet. Wo kämen wir denn da hin? Ähem... Ach so? Die Banken haben das genauso gemacht und sich dann unter diverse Rettungsschirme gerettet? Naja, dann...

Nein, im Ernst. Wer seinen Kredit nicht bedienen kann, der muss sich eben einen Zweitjob suchen. Oder Drittjob. Oder Viertjob. Manche gehen nach Kanada und werden zu Sklaven. Oder sie fälschen ihre Qualifikationen, damit er oder sie mehr Geld verdienen kann. So wie die Oberschwester am Bajcsy-Zsilinszky-Krankenhaus in Budapest, die 10 Jahre lang in der Notaufnahme gearbeitet hat, ohne für diesen Job qualifiziert zu sein. Sie hatte ihre Zeugnisse einfach gefälscht.
Abgesehen vom offensichtlich nicht immer fachlichen Fachpersonal muss man in staatlichen Krankenhäusern sein eigenes WC-Papier mitbringen, seine eigene Wäsche, oft genug sein eigenes Essen (wenn man nicht verhungern will), und in manchen Fällen sogar sein eigenes Thermometer. Da ist es kein Wunder, dass viele Frauen ihre Kinder lieber zuhause zur Welt bringen wollen als in staatlichen Krankenhäusern. Leider ist aber die Hausgeburt in Ungarn verboten, und letzte Woche wurde die Hebamme Geréb Ágnes verhaftet, weil sie bei einer Hausgeburt assistierte, die nicht komplikationsfrei war und für das Kind beinahe tödlich verlief. Wenn Hausgeburten legal wären und unter staatlicher Kontrolle und Unterstützung, dann gäbe es solche Fälle vermutlich nicht! Oder noch besser: Die Krankenhäuser müssten in einem solchen Zustand sein, dass die Menschen relativ gerne ins Krankenhaus gehen.

Aber trotz aller Scheinqualifikationen und Kreditprobleme scheint es noch Geld und Kaufkraft in Ungarn zu geben, und nicht zu wenig. Vodaphone und T-Mobile werden in Kürze das iPhone 4 auf den ungarischen Markt bringen. Robert DeNiro hat diese Woche das Edelrestaurant Nobu in Budapest eröffnet und hat dazu von OV eine persönliche Führung durch's Parlament erhalten. Und es gibt noch immer ziemlich viele und protzige Investmentpläne für Budapest. Zum Beispiel soll auf der Werfteninsel ein Distrikt mit Unterhaltung (sprich Casino), Wohnungen und Geschäftsräumen entstehen, die "Trauminsel". 32 Hektar der Insel würden damit überbaut werden. Die Regierung prüft hier auf kriminelle Machenschaften, da beim Ausverkauf staatlicher Grundstücke vielleicht nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Papcsák lässt grüßen. Eigentlich müsste sich Fidesz freuen, dass auf der Insel gebaut wird, denn dann wäre es viel leichter, Sziget zu verbieten. Und Tarlós ist bekanntlich kein Freund des Open-Air-Festivals. Aber auf der anderen Seite ist es ein Holländisch-Israelisches Unternehmen, dass diese Flächen gekauft hat. Und man ist es dem Wählerklientel, das man Jobbik abgenommen hat, schuldig, hier die große jüdische Weltverschwörung zu vermuten und in jedem Fall kriminelle Machenschaften zu unterstellen.

Ach ja, Tarlós. Der hat seinen Spaß mit den Finanzen der Hauptstadt. Das Stadtbudget wird vor allem durch die defizitäre BKV gebeutelt. Sein Vorschlag ist es nun, die BKV mit der MÁV zu verschmelzen oder mit Volán. Als wenn die beiden in Geld schwimmen würden und die BKV durchfüttern könnten. Vielversprechender ist da vermutlich der Ansatz, die BKV in die Gewinnzone zu bringen. Heute arbeiten dort genausoviele Leute in der Verwaltung wie hinter den Steuern der Fahrzeuge. Das kann's ja nicht sein. Was machen die Leute denn da alle den lieben langen Tag?

Ich kann mir nur eines vorstellen: Sie schreiben SPAM-mails. Denn irgendwo müssen die 96% der im September in Ungarn versandten Emails, die sich als SPAM herausgestellt haben, ja herkommen. In Summe ist das nicht viel, denn in Ungarn werden "nur" 250 Millionen SPAMs verschickt, das sind lediglich 0,25% des globalen Email-Verkehrs. Aber in Prozent sind die 96% SPAM der höchste Prozentsatz aller Länder. Wie das kommt? Ungarn geizen bei den Sicherheitssystem und gehen davon aus, dass es schon gutgehen wird. Auf diese Weise sind sie zu SPAM-Weltmeistern geworden. Na, wenigstens eine Meisterschaft.

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