Mittwoch, 10. November 2010

Christine Sontag et al.: Beruflich in Ungarn

"Ungarn ist nicht China, Ghana oder Kolumbien. Die ungarische Kultur ist unserer auf den ersten Blick sehr ähnlich, wäre da nicht diese Sprache. Natürlich, die Ungarn essen Paprika und Salami, und die Deutschen Bratwurst und Grünkohl. Aber abgesehen von diesen verschiedenen Gewohnheiten gibt es doch keine gravierenden Unterschiede." So könnte man denken, und damit läge man auch gar nicht so falsch. Groß sind die Unterschiede nicht, die sich tief in der unbewussten Ebene der Kulturen verbergen, aber gerade deshalb können sie umso gravierendere Folgen haben. Die Autoren bringen in diesem Buch viele Beispiele für misslungene Kommunikation, gescheiterte Projekte, frustrierte deutsche Chefs und vermeintlich störrische Ungarn, und sie lösen diese Probleme alle auf vor dem Hintergrund kleinster Unterschiede in sieben kulturellen Dimensionen.

Das Buch richtet sich an Deutsche, die beruflich in Ungarn aktiv sind oder mit Ungarn zu tun haben. Aber ich denke, auch als Austauschstudent oder Rentner mit Wohnsitz in Ungarn kann man aus diesem Buch viel lernen, denn vielen dieser kulturellen Verhaltensunterschiede wird man auch in der Freizeit wiederbegegnen.

Die sieben sogenannten Kulturstandards, die bearbeitet werden, sind Beziehungsorientierung, personenbezogene Hierarchie, Distanzminierung, flexibler Umgang mit Zeit, indirekte Kommunikation, schwankende Selbstsicherheit und pragmatische Flexibilität, jedem dieser Themenbereiche ist ein eigenen Kapitel gewidmet. Zu Kapitelbeginn findet sich der Leser in verschiedenen Situationen wieder. Liefertermine müssen eingehalten werden, neue Software wird eingeführt, Briefe werden falsch übersetzt, Projekte müssen umgesetzt werden.

In jeder Situation ist ein(e) Deutsche(r) mit ungewohntem und oft irrational erscheinendem Verhalten der ungarischen Partner konfrontiert. Der Leser hat nun die Möglichkeit, vier verschiedene Erklärungen auf einer Skala von "sehr zutreffend" bis "nicht zutreffend" zu bewerten. Anschließend bieten die Autoren ausführliche Erläuterungen zu jeder dieser Erklärungen. Nicht immer ist nur eine davon richtig, oft erklärt sich das Verhalten der Ungarn aus einer Kombination verschiedener Faktoren. Vielleicht bin ich schon zu lange in Ungarn und erkenne die richtigen Antworten, aber mein Eindruck ist, dass die Scheinlösungen, die sich die Autoren für das "Multiple Choice" ausdenken mussten, teilweise an den Haaren herbeigezogen sind und manchmal schon auf den ersten Blick ausgeschlossen werden können. Hier hätte man vielleicht etwas fantasievoller sein müssen, aber vielleicht wollte man es auch nicht zu kniffelig machen.
Nach einigen Beispielen zum gleichen Kulturstandard wird anschließend ein Theorieteil nachgeschoben, mit einer Defition von Distanzminimierung, pragmatischer Flexibilität etc., mit einer ausführlichen Beschreibung dieses Standards und mit weiteren Hintergrundinformationen zum möglichen Ursprung dieses besonderen Verhaltens.

Ganz zum Schluss rundet ein Abriss der ungarischen Geschichte das Buch ab. Es ist ein ehrgeiziger Versuch, die letzten 1100 Jahre auf 11 Seiten zu komprimieren. Der geschichtliche Hintergrund ist zum verständnis der ungarischen Kultur zwar wirklich wichtig, aber vielleicht hätte die Autoren gerade deshalb nur auf Lendvai verweisen sollen, wie sie es ja ohnehin bereits tun, anstatt hier nichts Halbes und nichts Ganzes abzuliefern.
Auch das Literaturverzeichnis zählt nicht zu den Stärken des Buchs. Es werden einige Grundlagenwerke zu interkulturellen Kommunikation und Kooperation aufgeführt, Romane und Erzählungen, u.a. von Kertész und Dalos, und sogar die Zeitschrift Merian muss erhalten, um das Verzeichnis zu füllen. Und dazu dann noch vier Bücher aus dem gleichen Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, in dem auch dieses Buch erschien. Das mögen informative Werke sein, aber ich finde das doch auffällig, zumal es zu Ungarn und zur interkulturellen Kommunikation ja Bücher in Hülle und Fülle gibt.

Das sind aber dann auch alle Schwachstellen, die ich an diesem Buch finden kann. Die Beispiele in den Kapiteln sind alle realistisch, die Antworten entsprechen meinen Erfahrungen in Ungarn, ich habe keinen Satz gelesen, dem ich widersprechen würde und habe gleichzeitig noch eine Menge gelernt. Die humorvollen und treffenden Illustrationen von Jörg Plannerer lockern das Buch ansprechend auf.

Die Autoren betonen im Vorwort, dass dieses Buch alleine ein interkulturelles Training nicht ersetzen kann. Da kann ich nur zustimmen: Wer die Möglichkeit hat, an einem solchen Training teilzunehmen, sollte die Gelegenheit nutzen. Denn man kann eben doch nicht alles aus Büchern lernen. Aber in diesem Fall haben die Autoren ihr Bestes gegeben, ein interkulturelles Training fürs Selbststudium zu konzipieren, und meiner Meinung nach mit Erfolg.

Meine Wertung:



Sontag, Christine; Schroll-Machl, Sylvia; Thomas, Alexander: Beruflich in Ungarn. Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007
ISBN 978-3-525-49008-2

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