Mittwoch, 24. November 2010

Paul Lendvai: Mein verspieltes Land

Vor einigen Wochen ging eine kleine Nachricht durch die Presse: Der österreichische Botschafter hatte seine Teilnahme an einer Buchpräsentation in Berlin abgesagt. Es ging um das neue Werk von Paul Lendvai. Und der Botschafter glänzte mit seiner Abwesenheit, um die neue ungarische Regierung nicht zu provozieren.

Tatsächlich ist der Inhalt des Buches nicht gerade schmeichelhaft für Orbán Viktor und seinen Fidesz. Und natürlich hat Lendvai seine eigene, subjektive Sicht der Dinge geschildert. Aber er bietet so viele Quellen, Fakten und Daten, dass man nicht davon sprechen kann, dass sich hier ein verbitterter alter Mann seinen Frust von der Seele geschrieben hat, dem man deshalb nur bedingt Glauben schenken darf und von dem sich ein Botschafter distanzieren sollte. Nein, der Botschafter hätte den Inhalt des Buches ernst nehmen und Position beziehen sollen. Unter befreundeten Nachbarländern darf man sich ja ruhig die Wahrheit sagen?

Dass das Buch beim Fidesz-Lager nicht auf Gegenliebe stößt, zeigen auch die jüngsten Versuche in der Zeitschrift HetiVálasz, Lendvai als früheren Spitzel zu diskreditieren und damit auch sein Buch. Aber selbst wenn er nicht nur für den ungarischen Geheimdienst gearbeitet haben sollte sondern sogar für CIA und KGB, wie manche munkeln, ändert das nichts am Inhalt und der Brisanz dieses Buches.

Lendvai steigt ungefähr dort in die jüngere Geschichte Ungarns ein, wo er in seinem epischen "Die Ungarn" aufgehört hat. Er beginnt mit der feierlichen Aufbahrung und Beerdingung von Nagy Imre auf dem Heldenplatz im Juni 1989. Bereits auf der dritten Seite treffen wir deshalb einen Protagonisten, der immer wieder auftaucht und dem Buch zu seiner akutellen Brisanz verhilft: Orbán Viktor.

Lendvai schildert knapp und verständlich das Ende des Kádárismus, die Machtkämpfe im ZK und Politbüro und den Aufstieg und Fall diverser Politiker. Er geht ausführlich auf die Amtszeiten von Antall und Horn ein und beschreibt "Glanz und Elend" der ersten Amtszeit von Orbán. Er erläutert die Jahre von Megyessi und den schnellen Aufstieg von Gyurcsány und bietet am Ende eine Übersicht über die ersten Monate der neuen Orbán-Regierung und einen düsteren Ausblick auf das, was wir von dieser Regierung noch zu erwarten haben.
In diese Zeitreihe eingestreut sind Kapitel, die sich mit einzelnen Aspekten der ungarischen Politik und Gesellschaft beschäftigen. Lendvai analysiert z.B. die Ursprünge des ungarischen Antisemitismus und macht die heutige Ausprägung an der Zeit nach Trianon fest, als Juden mit Kommunisten gleichgesetzt wurden und damit dem weißen Terror ausgesetzt waren.
In einem anderen Kapitel untersucht Lendvai das Nationalitäten- und Minderheitenproblem im Karpatenbecken und die gefährlichen Zündeleien der ungarischen aber auch der slowakischen Regierungen. Er berichtet über die Macht der "diskreten Pressezaren", die während der letzten acht Jahre ein weitreichendes Netzwerk an konservativen Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendenr aufgebaut haben, er geht auf den "kalten Bürgerkrieg" ein, mit dem Orbán seine zweite Machtergreifung vorbereitet hat, und die Ohnmacht und Unfähigkeit der Linken, und er beschreibt den Aufstieg der Rechtsradikalen.

Der Stil ist flüssig und verständlich, eben Lendvai. Er beschränkt sich auf das Wesentliche und verzettelt sich nicht in Details. Zwangsläufig kommen in diesem Buch sehr viele Namen vor, und wer sich nicht bereits in der ungarischen Politik auskennt, wird sicherlich einige Male ins Stocken geraten und zurückblättern müssen. "Wer war noch mal Csurka István? War der jetzt MDF oder MIÉP? Oder beides?"

Aber die kompakte Zusammenfassung (233 Seiten inkl. Index) bietet den Vorteil, dass man das "big picture" sieht, die Kausalitäten und Zusammenhänge der Entwicklung der letzten 20 Jahre, und das zielgerichtete Streben Orbán Viktors an die Macht. Es mag nicht jeder Leser mit der politischen Weltanschauung Lendvais übereinstimmen. Aber das Buch ist nicht einseitig, auch die Sozialisten und Liberalen bekommen ihr Fett weg, wo sie es verdient haben.
Wer sich schnell einen kompakten aber guten Überblick über die ungarische Politik verschaffen will, sollte dieses Buch lesen.

Meine Wertung:



Lendvai, Paul: Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch. Ecowin Verlag, Salzburg 2010
ISBN 978-3-902404-94-7

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