Freitag, 10. Dezember 2010

2010-49: Kósa ist moody und Ratzi ist glücklich

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 172 km/h zog der Sturm über das Bakony-Gebirge bis in die Hauptstadt: Moody's hat Ungarn abgestuft. Noch ein wenig mehr, und ungarische Staatsanleihen zählen zu den "junk bonds".
Jetzt kann man natürlich darüber diskutieren, ob Ratingagenturen zu viel Macht haben und ob sie wirklich einen guten Job machen. Aber was Kósa über einen imaginären jungen englischen Gentleman in London zu sagen hat, ist wirklich völlig daneben. Und lustig. Richtig bildhaft. Der junge Typ trinkt Cola, während es ihm völlig egal ist, was mit den ungarischen Rentnern passiert. Ja, das ist ja schließlich nicht sein Job, sonst würde er auf Matolcsys Stuhl sitzen und nicht in der Londoner City! Kósa sagt, dass Ungarn nicht von Moody's regiert wird. Auch das ist richtig. Der junge englische Gentleman bewertet nur die Auswirkungen, die das Werkeln der Leute, die tatsächlich an der Regierung sind, auf die ungarische Wirtschaft hat.

Ist auch besser so für ihn. Denn wenn er auf Matolcsys Stuhl sitzen würde, wäre er Europas zweitbester Finanzminister. Von hinten. Ganz hinten kommt nur noch der arme Ire. Das ist bezeichnend, denke ich. Bewertet hat das die Financial Times.

Und da die nicht zur Springer-Presse gehört, ist dieses Ranking sicherlich auch nicht von Moody's gekauft worden, ganz im Gegensatz zu gewissen Beiträge über Diätprodukte in ungarischen Springer-Ablegern, die doch nicht so redaktionell waren wie sie aussahen.

Die Hamburger Kollegen vom Spiegel haben dagegen zur Zeit ganz viel Stoff, den sie redaktionell verarbeiten müssen. Deshalb sind vermutlich auch nicht alle US-Depeschen gleichzeitig veröffentlicht worden. Mit den ungarischen Depeschen kann man auch ruhig bis zur Ratspräsidentschaft warten, dann gibt's viel mehr Publicity. Der Pester Lloyd weiss jedenfalls bereits, dass wir uns noch auf einige "Charakterstudien" ungarischer Politiker freuen dürfen. Nach Angela Teflon Merkel dann also Viktor Scheinriese Orbán?

OV hat übrigens letztes Wochenende während seiner Europarundreise Station in Rom gemacht und dabei natürlich auch Ratzinger getroffen. Die Familie war auch dabei, denn die ist ja Orbáns bester Beweis, dass er es mit dem "Seid fruchtbar und mehret euch!" sehr ernst nimmt. Letzte Woche habe ich mich noch lustig gemacht, aber Ratzinger scheint wirklich zufrieden zu sein, wie die Dinge in Ungarn laufen. Der Vatikan steht in Form der KDNP wieder am Ruder und kann seine rückständige Agenda durchdrücken. Nach der siegreichen Kommunalwahl gab es Pfarrer, die Dankesgottesdienste für Fidesz abgehalten haben. Kanzelparagraph, gibt's soetwas in Ungarn? Ach, und selbst wenn: Eine kleine Verfassungsänderung richtet die Dinge sowieso ganz schnell.

Von Rom zu den Roma. Denn da hat OV diese Woche ganz offen spekuliert, dass die sesshaften Roma vielleicht auch wieder reisen werden, wie früher, um in Länder zu ziehen, in denen sie eine bessere Zukunft sehen. Und als Europäer werden sie natürlich vorzugsweise nach Westeuropa ziehen, wenn die EU nicht für die richtigen Arbeitsmöglichkeiten in den Heimatländern sorgt. Seine eigene Regierung sieht OV da offensichtlich nicht in der Schuld, er wäscht seine Hände in vielmehr in Unschuld, während die Roma in Miskolc und anderswo im Ghetto leben. Nächstenliebe ist das aber nun wirklich nicht. Ratzi, sag du doch auch mal was dazu!

Aber Nächstenliebe ist in Ungarn ohnehin ein seltenes Gut. 29% der erwachsenen Ungarn sind einer aktuellen Studie zufolge xenophob, also akut ausländerfeindlich. Es ging bei der Befragung konkret um Asylbewerber, und am unbeliebtesten sind Araber, Chinesen und Russen. Die will man nicht im Land haben und vergisst dabei, wieviele Ungarn 1956 in anderen Ländern als Asylanten untergekommen sind.

Man mag in Ungarn auch keine ausländischen Unternehmen und internationales Kapital. Das ist spätestens seit der Räubersteuer klar, die bei vielen Unternehmen die Gewinne zusammenschmelzen lässt. Bei Schlecker ist nun offensichtlich so wenig übrig geblieben, dass man beschlossen hat, Ungarn komplett zu verlassen. Wie schade... hust. Nicht, dass Schlecker jemals besonders erfolgreich gewesen wäre in Ungarn. Nicht nur zuhause haben Rossmann & Co. die Familie Schlecker schon längst abgehängt, auch in Ungarn ist man über 12 Filialen nie hinausgekommen. Die Steuer ist also nur ein zusätzlicher Faktor, sozusagen das Salz in der Wunde.

Ach, was für eine herrliche Überleitung: Salz. Wenn es nach Illés Zoltán geht, darf ab jetzt nicht mehr mit Salz gestreut werden. Um genauer zu sein, es ist tatsächlich bereits eine Verordnung in Kraft, inklusive Strafgebührenkatalog. Nur scheint diese Verordnung so mehrdeutig formuliert worden zu sein, dass nicht ganz klar ist, ob Straßen gestreut werden dürfen und nur Wälder und Wiesen nicht, oder ob das Verbot auch für Straßen gilt. Das klingt nicht wie in Stein gemeißelt, eher wie in einen Eisblock und dann mit Streusalz versetzt.
Ziel ist es jedenfalls, dass kein Salz sondern nur noch "alternative Materialen" eingesetzt werden. Was zählt dazu? Sicherlich Sand. Aber vielleicht auch roter Schlamm? Davon hat Illés ja sowieso noch viel zu viel in Kolontár und Umgebung herumliegen. Der ist bestimmt auch nicht viel korrosiver als gutes, starkes Streusalz.

Ja, der rote Schlamm ist wirklich noch immer da, niemand hat ihn weggeschaufelt und in Deponien gebracht. Die Besitzer unbewohnbarer Häuser bekommen neue Unterkünfte, die sie auf Jahre hinaus nicht verkaufen dürfen, und die Bäche und Flüsse der Umgebung haben sich bei einem ph-Wert von 7 eingependelt und sind farbenfrohe rote Klekse und Striche in der grauen Winterlandschaft. Angeblich darf man inzwischen wieder ohne Ausweiskontrolle und Anwohnernachweis in die betroffenen Dörfer fahren. Ich muss nächste Woche nach Ajka, ich werde mich mal in der Umgebung umschauen. Und vielleicht bringe ich ein wenig Schlamm mit nach hause, den kann man an Weihnachten bestimmt super als Fingerfarbe an befreundete Familien verschenken!

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