Mittwoch, 22. Dezember 2010

Anna Hang: Arbeitsplatz Ungarn

Dieses Buch hat 128 Seiten. Vier davon kann man gleich abziehen, da sie für "Anmerkungen" gedacht sind, sprich man zahlt für teures Notizpapier. Die Hälfte, also ca. 60 Seiten, werden von bunten, ganzseitigen Grafiken eingenommen, und die restlichen Seiten sind in einer Schriftgröße für Kurzsichtige zur Hälfte Deutsch und zur Hälfte mit der ungarischen Übersetzung beschriftet und haben große weiße Ränder. Man kann also sagen: Der reine deutsche Text beschränkt sich auf gut 30 großbedruckte Seiten, die leicht auf weniger als die Hälfte gepasst hätten.

Die Autorin, Anna Hang, ist gebürtige Ungarn und im interkulturellen Consulting tätig. Sie sollte also wissen, wovon sie spricht. Und tatsächlich werden viele wichtige Themen im Buch angerissen, Probleme, über die Deutsche stolpern, weil sie nicht damit rechnen. Zum Beispiel Schwierigkeiten beim Standortwechsel, Unterschiede in den Hierarchien, das häufige Problem ungarischer Chefs, die deutscher sind als deutsch, unterschiedliche Aufteilung von privatem und öffentlichem Raum in beiden Kulturen, Zeitplanung und so weiter. Als kleine Extras kommen noch einige Benimmregeln beim Spaziergang, im Restaurant und am Weltfrauentag hinzu.

Im Großen und Ganzen sind dies ähnliche Themen wie im Handbuch "Beruflich in Ungarn." Nur während dort klar strukturiert ein sogenannter "Kulturstandard" nach dem anderen mit Beispielen thematisiert wird, ist dieses Buch hier Kraut und Rüben. Es verweilt ewig beim Entsendungsprozess und bietet beim Kofferpacken, Einchecken und Boarding des Entsandten dabei nicht wirklich Mehrwert. Und während man zu Beginn den Eindruck hat, hier würden nun am Beispiel einer konkreten Entsendung alle Fettnäpfchen und Probleme aufgearbeitet, die in der deutsch-ungarischen Zusammenarbeit lauern, springt das Buch plötzlich zu deutschen Meetings, zu deutschen Jobinterviews, dann wird ein deutsch-ungarisches Teambuilding veranstaltet. Aus dem Nichts erscheint dann ein neuer Abteilungsleiter, der noch einmal die gleichen Erfahrungen rekapituliert, und eine Beraterin, vermutlich Frau Hang, gibt am laufenden Band den guten Ratschlag "Man muss miteinander reden!" Da verliert man schnell den Überblick und auch die Lust, sich durch die vielen Allgemeinplätze zu kämpfen. Der Ungar liebt Harmonie. Tatsächlich, wer hätte das gedacht. Deutsche fühlen sich vermutlich nur wohl, wenn es so richtig unharmonisch wird. Man sollte Dracula nicht erwähnen und Ungarn nicht mit anderen osteuropäischen Ländern verwechseln. Super, das hilft weiter! Wichtiger als Hinweise auf die Revolutionen von 1848 und 1956 wären hier noch Informationen über den überdimensionalen Fettnapf namens Trianon gewesen, um den Ausländer lieber einen großen Bogen machen sollten.
Und nachdem sich Frau Hang erst bemüht, Vorurteile aus dem Weg zu räumen (ohne dabei eine Abgrenzung zu Stereotypen vorzunehmen), werden anschließend wieder fröhlich diverse Stereotype gepflegt, z.B.: Ungarn kochen Kesselgulasch und andere deftige Speisen und lieben Wein. Ja klar. Deshalb stelle ich mich immer gerne mit dem Spruch vor: "Ich bin ein typischer Deutscher. Ich mag kein Bier, ich habe keine Ahnung, wer die Bundesliga anführt, und mir ist völlig egal, wieviele PS mein Auto hat."

Besonders enttäuscht haben mich die Grafiken von Frau Seifried-Otte. Ich persönliche finde sie einfach nur grauenhaft, aber das mag Geschmacksache sein. Andere Leute sind davon vielleicht ganz angetan. Besonders irritierend: Sowohl die Ungarn als auch die Deutschen sind allesamt Klone. Auf jeder Seite trifft man die immergleichen, mit Copy&Paste eingefügten Visagen, oft auch als Vier- oder Fünflinge nebeneinander, es wechseln nur die Anzug- und Krawattenfarben bzw. die Ohrringe der Damen.
Zusammengeklaubte Clipart-Bilder (Telefone, Aktentaschen, diverses Obst und Blumen), krampfhaft genutzte Farbverläufe für noch die unmöglichsten Flächen, wilde Hintergrundmuster und nicht zuletzt reinkopierte Excel-Grafiken, beschriftet mit "Kategorie 1" oder "Datenreihe 3" und verrutschte Beschriftungen verleihen allen Bildern ein lustloses, schlampig gestaltet Aussehen. Dabei bin ich mir sicher, dass Seifried-Otte viel Zeit in die Gestaltung gesteckt hat. Aber anstatt sich am Computer abzuplagen und dieses Resultat abzuliefern, hätte sie mit Bleistift und Tusche sicherlich tausendmal aussagekräftigere und treffendere Bilder schaffen können.

Fazit: Inhaltlich bietet das Buch einige interessante Informationen für Expats und für alle anderen, die beruflich mit Ungarn zu tun haben. Aber ich würde gleich zu "Beruflich in Ungarn" greifen, das inhatlich sauber strukturiert ist und vor allem mehr Inhalt zu bieten hat. Und auch die gerade mal sieben darin enthaltenen Cartoons von Jörg Plannerer sind treffender und aussagekräftiger als die 60 ganzseitigen Grafiken in diesem Buch.

Meine Wertung:







Hang, Anna; Seifried-Otte, Juschi: Arbeitsplatz Ungarn. Spielregeln für's Miteinander. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 2010.
ISBN 978-3-89876-512-1

Kommentare:

  1. Leider gehören Sie zu der Spezies, die nicht mit Humor gesegnet ist. Sonst hätten Sie sehr schnell gemerkt, dass es kein trockenes Lehrbuch sein sollte, sondern auf Probleme aufmerksam machen und auf sie hinweisen will, zeigen will, dass Arbeiten in Ungarn , erleben einer anderen Kultur Freude machen kann. Aber wie dreist ist es, mir zu unterstellen, ich hätte Figuren aus dem Internet willkürlich und lieblos zusammengeholt!In einem Jahr mühevoller
    Arbeit habe ich die Figuren und jedes Detail gemalt!Die Hintergründe sind gemalt und extra dafür fotografiert.Wenn Sie schon so viel Häme vergießen, sollten Sie Ihre Arbeit gründlicher machen und besser recherchieren... ein Anruf hätte genügt. Die Künstlerin

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  2. Liebe Künstlerin!

    Kunst ist eine relative Sache. Sie dürfen mir gerne unterstellen, nicht den gleichen Sinn für Kunst zu haben wie Sie, und vermutlich haben wir auch nicht den gleichen Sinn für Humor. Aber bitte sprechen Sie mir denselbigen nicht vollständig ab.

    Ich denke auch nicht, dass ich für eine solche Buchkritik gründlicher recherchieren muss, denn es ist ja das Buch, das für sich selbst spricht. Ich habe ja sogar darauf hingewiesen, dass Sie vermutlich viel Zeit in die Grafiken gesteckt haben.

    Wenn Sie meine Kritik noch einmal gründlich lesen, werden Sie sehen, dass ich nirgendwo gesagt habe, Sie hätten die Figuren "aus dem Internet willkürlich und lieblos zusammengeholt". Ich habe lediglich auf die Clipart verwiesen. Und da werden Sie sicherlich nicht bestreiten, dass die nicht selbstgemalt ist. Und Sie werden sicherlich auch nicht bestreiten, dass die Figuren allesamt Klone sind. Ganz ehrlich: Ich kann nicht erkennen, wo hier das eine Jahr mühevoller Arbeit steckt und bin weiterhin der Meinung, dass Sie besser gefahren wären, wenn Sie nicht den Computer zuhilfe genommen hätten. Ich habe andere Ihrer Bilder gesehen, die Sie von Hand gestaltet haben, und die ich niemals in dieser Weise kritisiert hätte. Deshalb wiederhole ich: "Aber anstatt sich am Computer abzuplagen und dieses Resultat abzuliefern, hätte sie mit Bleistift und Tusche sicherlich tausendmal aussagekräftigere und treffendere Bilder schaffen können."

    Wenn Sie das als Häme empfinden, tut es mir leid.

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