Dienstag, 7. Dezember 2010

Thomas Bauer: Wo die Puszta den Himmel berührt

Es gehört Mut oder zumindest viel Selbstbewusstsein dazu, sich vom Verlag im Klappentext als Ungarnkenner bezeichnen zu lassen, wenn man praktisch kein Wort Ungarisch spricht, nur sieben Mal im Land war und lediglich eine ungarnstämmige Freundin aufweisen kann.

Bauer bietet in seiner Reisebeschreibung aber tatsächlich viele Fakten über Land und Leute, zahlreiche Anekdoten und spannend und bunt erzählte Rückblenden in die ungarische Geschichte. Der Leser lernt Budapest kennen, Eger, Pécs, Hortobagy, Baja, Mohács, Szeged, Sopron... Überall verweilen die beiden aber nur kurz, die Geschichte und einige interessante Fakten werden angerissen, und dann geht es weiter, auf Landstraßen kreuz und quer durchs Land. Der Untertitel "Auf Umwegen durch Ungarn" passt, denn wenn man die Reiseroute auf der Karte nachvollzieht, sieht man, dass das hier keine gradlinige Rundreise war.

Eine spannende Handlung darf der Leser trotzdem nicht erwarten, eine Rundreise durch Ungarn ist eben nicht zu vergleichen mit einem Abenteuer-Trekk durch Afghanistan. Sicherlich hätte man einige Begegnungen mit Einheimischen spannender und die Dialoge etwas peppiger ausgestalten können. Bauer lässt manche Protagonisten nur deshalb auftreten und zu Wort kommen, damit sie trockene Reiseführertexte zitieren. Kein Mensch würde im wirklichen Leben so sprechen. Manche spannende Geschichte reisst Bauer nur an und kennt sie vielleicht auch gar nicht. Er erwähnt zwar, dass Széchenyi von Kossúth als der "Größte aller Ungarn" bezeichnet wurde, aber dass dies eine Anspielung auf seine Körpergröße war, und dass die beiden in einer Art "Hassliebe" verbunden waren - diese interessanten Details erfahren wir nicht.

Der "Ungarnkenner" ist enttäuscht, dass er im Gellért-Bad keine Schachspieler sieht. Logisch, denn die dickbäuchigen Männer mit Goldketten, die auf so vielen Fotos im Dampf bis zur Brust im heißen Wasser stehen und spielen, findet man im Széchenyi-Bad. Er steht bis zum Knie im Wasser an der Balaton-Südseite und ist enttäuscht, dass er nicht schwimmen kann. Dabei übersieht er, dass die Nordseite gute Schwimmreviere aufweist, bei denen man nicht 500 Metern waten muss, bevor einem das Wasser bis zum Hals reicht. Er redet davon, dass die ungarischen Fürsten auf dem Heldenplatz und Chronist Anonymus im Stadtwald aus Stein gemeißelt wurden, wo sie doch Bronzestandbilder sind. Nur deshalb ist Anonymus' Feder vom vielen Anfassen so schön glänzend geworden, und nicht stumpf, wie Bauer schreibt. Und in der Bildunterschrift zu einem Foto vom Heldenplatz wird Enőd auf einmal Árpád, denn der falsche Reiter ist abgebildet. Bauer geht vom Nordende der Váci utca aus spazieren, bis er zum Gerbaud kommt, und beschreibt die fliegenden Händler, denen er unterwegs ausweichen muss. Nur passt das alles nicht, denn am nördlichen Ende der Váci utca steht er bereits vor dem Gerbaud.

Ja, das sind alles Kleinigkeiten, die man gerne übersieht, wenn das Buch spannend geschrieben ist. Aber ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass hier einfach nur aus allen möglichen Reiseführern Details zusammengesucht wurden. Protagonisten dürfen diese Informationen in trockenen, hölzernen Dialogen an den Leser bringen, und garniert wird das alles mit ein paar Reiseeindrücken und Beschreibungen freundlicher Kellner, Automechaniker und Pensionsbesitzer.

Besonders geärgert hat mich die Einstellung gegenüber der ungarischen Sprache, die zwar weit verbreitet ist, von einem "Ungarnkenner" aber nicht unbedingt geteilt werden sollte: "Mit Logik kommt man bei der ungarischen Sprache ohnehin nicht sonderlich weit.", sagt Bauer. Woher weiss er das denn, wenn er doch gerade mal bis zehn zählen kann auf Ungarisch, und damit auch noch kokettiert? Ungarisch ist auch hier mal wieder "eine der schwierigsten Sprachen der Welt". Es ist alles eine Frage der Perspektive. Ich bin überzeugt davon, dass es für einen Ungarn viel schwieriger ist, Deutsch zu lernen, als für einen Deutschen, sich ins Ungarische zu vertiefen. Und wieviele Ungarn gibt es, die fließend Deutsch sprechen!

Fazit: Wer wirklich Interesse hat, mehr über Ungarn zu lernen, sollte lieber gleich zu den entsprechenden Sachbüchern und Reiseführern greifen. Dort erhält er die gleichen Informationen, nur ohne die halbherzige Handlung drumherum. Und wer Bauer abkauft, dass ein Túró Rudi ein Schokoriegel ist, der sollte dringend mal nach Ungarn kommen und selbst probieren.

Meine Wertung:




Bauer, Thomas: Wo die Puszta den Himmel berührt. Auf Umwegen durch Ungarn.
Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2007
ISBN 978-3-7766-2512-7

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