Sonntag, 16. Januar 2011

2011-02: Benennt die Straßen nach Müslisorten!

Die Demonstration für Pressefreiheit am Freitag war ein voller Erfolg, 10.000 Menschen hatten sich auf dem Kossuth tér versammelt. Die Stimmung war entspannt aber entschlossen. Der Moderator und Hauptredner des Abends, Bakács Tibor, hielt keine pathetische Rede, und vor allem keine parteipolitische Rede. Sondern er forderte mit unaufgeregten und oft humorvollen Worten die Überarbeitung des Mediengesetzes, um nicht mehr und nicht weniger ging es an diesem Abend.
Natürlich hat die NMHH die Forderungen, die als Thesen (virtuell) an die Parlamentstür genagelt wurden, bereits als unbegründet zurückgewiesen. Aber wie Bakács während der Veranstaltung sagte: "Hier weichen wir nicht zurück, hier bleiben wir hart." Am 27. Januar findet die nächste Demonstration statt. Am Ende kann der massive Protest im In- und Ausland eigentlich nur zu einer Niederlage der NMHH und der Beschneidung ihrer Rechte führen.

Die NMHH hatte diese Woche bereits eine andere Niederlage zu verkraften. Tílós Rádió wurde von der NMHH vom Vorwurf freigesprochen, die Jugend gefährdet zu haben. Begründung: Den Slang von Ice-T versteht kein ungarischer Jugendlicher. Das stimmt, noch nicht mal die Fachleute der NMHH haben den schließlich ohne eine langwierige Übersetzung verstehen können. Was jetzt auf den ersten Blick aussieht wie der Beweis, dass der Medienrat ausgewogen arbeitet, ist eigentlich eine ziemliche Blamage, denn man hätte sich das vielleicht vor offizieller Verfahrenseröffnung schon mal genauer überlegen sollen. Aber trotzdem ein Lob an die NMHH, denn zumindest hält man dort nicht an falschen Entscheidungen fest und zieht sie gnadenlos durch, so wie wir es zur Zeit vom größten aller ungarischen Regierungschefs gewöhnt sind.

Da wären zum Beispiel die doppelte Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht für Auslandsungarn. Zwei Themen, die man vielleicht etwas weniger fanatisch angesehen sollte. Aber KDNP drängt weiterhin darauf, in der neuen Verfassung das Wahlrecht so zu ändern, dass Auslandsungarn im Inland wählen dürfen. Warum will man unbedingt, dass Slowaken und Rumänen ungarische Abgeordnete wählen? Vordergründig ist es KDNP wichtig, die Nation zu einen, und zwar über die willkürlichen Trianon-Grenzen hinweg, und auch gerne auf Kosten der diplomatischen Beziehungen zu den Nachbarländern. Aber ist es wirklich wünschenswert, wenn die Bürger eines anderen Staates über Wahlen in die Innenpolitik reinreden können? Vielleicht ja. Denn wer sind denn die Auslandsungarn, die sich einen ungarischen Pass besorgen und damit dann auch wahlberechtigt sind? Die Nationalgesinnten, nicht die Assimilierten. Und die Nationalgesinnten werden dann auch National wählen, nämlich Fidesz und KDNP. Diejenigen, die gegen das nationale Gepoltere sind, werden auch als ethnische Ungarn keinen Pass beantragen und sind damit von den Wahlen ausgeschlossen. Geschickt.

Bei der KNDP fangen auch die Jungen schon kräftig mit dem Gepoltere an: Die KDNP-Jugend fordert die Umbenennung von Straßen und Plätzen, die nach Kommunisten benannt sind, beziehungsweise, in der Übersetzung des Pester Lloyd: "die die Ära der kommunistischen Diktatur reflektieren". Das ist lobenswert und wünschenswert.  Mir ist bei dieser Nachricht aber als erstes ein Ereignis vom letzten Jahr durch den Kopf geschossen, und daran hat man sich offensichtlich auch beim Pester Lloyd sofort erinnert. Im September 2010 wurde in Orosháza der Nationalsozialist Gömbös Gyula wieder zum Ehrenbürger ernannt, und zwar von Fidesz/KDNP. Wie ist das also mit Namen, die die Ära der nationalsozialistischen Diktaktur reflektieren? Die sollen wiederkommen? Das nennt man wohl zweierlei Maß nehmen, und aus der Marx-Straße wird die Horthy-Straße...

Bald sollte man vielleicht auch die Váralja sór in Székesfehérvár nach einem berühmten Toten in Cerbona utca umbenennen. Denn Cerbona ist pleite und geht in die freiwillige Insolvenz. Also noch mal schnell zu Tesco und ein paar Memorabilien aus dem Müsliregal kaufen. Denn wer weiss, ob Cerbona nicht den Weg so vieler anderer Marken gehen wird, die auf immer verschwunden sind. Vielleicht werden die Müslies auch mit einem kleinen Nestlé- oder Danone-Logo weitervertrieben, wie z.B. Győri Édes. Schön wär's, denn ich mag sowohl die "Frühstückscerealien" selbst als auch die wunderbar altmodische Verpackungsgestaltung. Aber offensichtlich bin ich da eine Minderheit, sonst hätten die ja keine wirtschaftlichen Probleme.

Eine lautstarke Minderheit kämpft gerade für mehr Rechte. Was normalerweise eigentlich eine gute Sache ist, ist in diesem Fall nur ärgerlich. Es handelt sich um die ungarische Jägervereinigung, und deren Vorsitzender Semjén Zsolt will das Waffengesetz erleichtern, so dass man eine Waffe z.B. leichter erben kann, ohne den gesamten bürokratischen Genehmigungsprozess durchlaufen zu müssen, wenn man bereits Waffen besitzt. Wie ärgerlich aber auch. Die Gesetzesänderung wird eine reine Formalie sein, schließlich gehört Semjén zur KDNP-Führung und ist Minister in der Regierung.

Dahinter steckt vermutlich der Plan, demnächst die Kontrolleure der BKV mit Schusswaffen auszurüsten. Denn der BKV entgehen jährlich geschätzte 10 Milliarden Forint, weil 13% der Passagiere schwarz fahren. Diese Summe wäre wahrscheinlich auch nur ein tropfen auf den heißen Stein in den leeren BKV-Kassen. Aber immerhin. Deshalb sollen jetzt auch auf den Hauptstraßenbahnlinien Kontrolleure eingesetzt werden. Bisher konnte man davon ausgehen, dass die Kontrolleure fast ausschließlich in U-Bahn-Schächten herumhängen, und oft zu dritt oder zu viert. Wie hoch übrigens der Anteil der Jäger und der Fidesz-Wähler an den Schwarzfahrern ist, hat BKV nicht mitgeteilt.

Kommentare:

  1. "aus der Marx-Straße wird die Horthy-Straße..."
    In Szeged gibt es tatsächlich eine Horthy-Promenade, sehe ich eben, und eine Horthy-Statue ist auch in Arbeit.
    http://www.delmagyar.hu/szeged_hirek/mellszobrot_csinaltattak_horthynak_szegeden/2198990/

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  2. Ernst gemeint jetzt, meinerseits. Treffen wir uns mal. Bin über meinen Blog (Email) erreichbar. Wenn Du Lust hast. Melde Dich.

    Peter

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