Mittwoch, 5. Januar 2011

György Dálos: Balaton Brigade

Dieses Buch habe ich nur widerwillig gelesen. Nicht, weil es kein gutes Buch wäre, es ist meiner Meinung nach ein sehr gutes Buch. Aber ich gehöre zu den eher simpel gestrickten Zeitgenossen, die sich gerne mit den Protagonisten in einem Roman (oder einer Erzählung) identifizieren. Und bei Josef Klempner hatte ich mit dieser Identifizierung arge Probleme. Klempner arbeitet nämlich für die Abteilung Auslandstourismus / Sozialistischer Wirtschaftsbereich bei der Staatssicherheit, er ist überzeugt von seiner Aufgabe und vom realexistierenden Sozialismus, und er ordnet der Pflichterfüllung alles unter, selbst wenn er sich zwischen Familie und Staat entscheiden muss. Also wahrlich kein Sympathieträger. Auf der anderen Seite aber auch kein ausgemachtes unmoralisches Ekel, sondern eher ein Mensch wie du und ich, den das Schicksal zur falschen Zeit am falschen Ort abgestellt hat, und der niemals einen starken moralischen Kompass entwickelt hat und keine Eigeninitiative entwickeln kann, um den Platz zu verlassen, an den ihn das Schicksal gestellt hat.

Klempner ist bereits als Kind entwurzelt worden, als seine deutschstämmigen Eltern aus Ungarn vertrieben wurden und in die DDR übersiedelten. Als Jugendliche schlüpft er unter die Fittiche des Stasi-Offiziers Frickhelm, der für ihn alle wichtigen Entscheidungen im Leben trifft, ihm sogar seine linientreue Frau Roswitha zuführt, die Klempner ohne Umstände heiratet. Große Emotionen sind nicht sein Ding. Nur einmal begehrt er auf gegen Frickhelm, und kehrt ganz schnell und geflissentlich zurück ins Glied.

Das Buch hat seinen Titel von der Balaton-Brigade der Stasi, die tatsächlich existiert hat. Klempner wird nach 25 Dienstjahren im Sommer 1989 zum Leiter dieser Brigade ernannt und soll während der Sommermonate seine Landsleute am Plattensee überwachen. Das ist natürlich der schlechtmöglichste Zeitpunkt für einen solchen Einsatz, wenn man linientreu ist. Und weil an seiner Treue Zweifel bestehen, wird er zusätzlich noch vom eigenen schleimigen Mitarbeiter überwacht.

Ungarn und der Balaton, die Geschehnisse vom Sommer und Herbst 1989 sind hier nicht viel mehr als Kulisse für die Handlung und die inneren Konflikte, die Klempner durchlebt. Aber Dálos lässt auch ein wenig die Aufbruchstimmung der Ostdeutschen und die Endzeitstimmung der ungarischen Geheimdienstler auferstehen, und er lässt Klempner vom Balaton schwärmen: "Bei uns badet das Meer in der Sonne, und dort ist es umgekehrt, denn die Sonne schwimmt im See. Beides finde ich schön, nur mit einem wesentlichen Unterschied. Ich betrachte gern das Meer, aber wenn die Sonne im Balaton schwimmt, verspüre ich den Wunsch, dort nie wieder wegzugehen."

Am Ende der Geschichte steht Klempner ohne Tochter und Enkel da, ohne Ehefrau und natürlich ohne Job. Nur sein lahmer krebskranker Dackel Hugo ist ihm noch geblieben, dem er im Laufe des Buches seine Lebensgeschichte erzählt. Dabei wollte er eigentlich nur alles richtig machen, seine Tochter schützen und gleichzeitig seine Offiziersehre bewahren.
Dalos wurde von der Süddeutschen, der FAZ und anderen für seine Leistung gelobt, das perfide System der Stasi - inklusive Bespitzelung der Spitzel - nachvollziebarer  und mit Klempner einen Stasi-Offizier aus der Anonymität geholt und menschlich erfahrbar gemacht zu haben. Klempner gibt der Denunziation selbst der eigenen Familie ein menschliches Gesicht, ohne dass er sein eigenes Tun entschuldigt. Auch nach dem Fall der DDR steht er zu seiner Offiziersehre. Darin unterscheidet er sich von Gerd Wiesler in von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen", denn während Wiesler seine Opfer kennen- und gewissermaßen lieben lernt und sie deshalb schützt, verrät Klempner seine eigene Tochter, obwohl er sie liebt.

Fazit: Dálos verharmlost mit der Balaton Brigade nichts, entschuldigt nichts und erklärt doch vieles, ohne es in Worte zu fassen. Dazu ist das Buch sehr lakonisch und teilweise hölzern verfasst, genau so wie man sich vorstellt, wie ein bürokratischer Stasi-Offizier erzählen würde. Es ist flüssig und seltsamerweise spannend zu lesen, obwohl man das Ende ja eigentlich schon kennt. Unbedingt lesenswert.

Meine Wertung:







Dálos, György: Balaton Brigade. Rotbuch Verlag, Berlin 2007
ISBN 978-3-86789-011-3

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