Samstag, 1. Januar 2011

Hálapénz


English version below.

Das deutsche Gesundheitssystem ist am Ende. Zumindest hört man das immer wieder, und alle jammern über die hohen Kosten, darüber, dass man im Krankenhaus im Viererzimmer liegen muss und dass die Kasse die teuren Kronen und Implantate nur zu einem Bruchteil bezahlt. Dabei jammert Deutschland auf einem ziemlich hohen Niveau. In einem ungarischen Krankenhaus dagegen kann es vorkommen, dass man seine Bettwäsche, sein Thermometer und sogar das Toilettenpapier selbst mitbringen muss. Von vernünftiger Verköstigung ganz zu schweigen.

Wer es sich leisten kann, besucht Privatärzte und Privatkrankenhäuser, wie z.B. Dr. Rose. Aber die meisten können sich eine solche Behandlung natürlich nicht leisten. Bleibt noch die zweitbeste Möglichkeit: Man drückt dem Arzt etwas Geld oder Naturalien in die Hand, zusätzlich zu den Zahlungen der Krankenkasse, damit er für eine schnelle und gute Behandlung sorgt. Im Ungarischen nennt man diese Zahlungen hálapénz, und sie gehören zum normalen Alltag. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass die Ungarn im Durchschnitt 110 Millionen Euro im Jahr ihren Ärzten und Krankenschwestern in braunen Umschlägen in die Hand drücken, andere Schätzungen liegen ein Vielfaches höher. Ein durchschnittlicher Krankenhausaufenthalt kostet dabei ca. 100,- Euro.

Die Ärzte sagen, sie brauchen dieses Geld, da sie sehr wenig verdienen. Ein Hausarzt in Südungarn verdient zwischen 1.000 und 2.000 Euro brutto. Berufseinsteiger in Kliniken liegen bei knappen 500,- Euro Einstiegsgehalt. Dieses Gehaltsniveau, stressige Arbeitszeiten und desolate Krankenhauseinrichtungen sorgen dafür, dass mehrere Tausend ungarische Ärzte lieber im Ausland arbeiten, die meisten davon in Großbritannien. Und die Insel ist auch nicht gerade für ihr vorbildliches Gesundheitssystem bekannt. Gleichzeitig bleiben viele Stellen in ungarischen Krankenhäudern unbesetzt, und viele Hausärzte sind bereits im Rentenalter und haben keine Nachfolger.

Im Gesundheitssystem ist aber schlicht nicht mehr Geld vorhanden. Schuld daran ist zum einen die hohe Arbeitslosenquote. Zum anderen werden viele Mitarbeiter zum Minimallohn eingestellt. Damit drückt man die Sozialbeiträge, und den Rest erhalten die Leute bar und schwarz auf die Hand.

57% der Ärzte sind deshalb davon überzeugt, dass das Dankgeld eine Notwendigkeit ist, um ihre Gehaltszahlungen auf ein vernünftiges Niveau aufzustocken. 43% sehen darin aber gleichzeitig eine Demütigung, denn sie sind damit auf Schwarzgeldzahlungen angewiesen. Rechnungen werden über das Dankgeld selbstverständlich nicht ausgestellt. Die Dummen sind dann natürlich diejenigen, die keinen Schwarzlohn erhalten, aber trotzdem Dankgeld zahlen müssen.

Das hálapénz hat einen großen Vorteil für alle Beteiligten: Das Geld versickert nicht in der Verwaltung von Staat, Krankenkassen und Krankenhäusern sondern kommt direkt bei dem an, der für den Patienten verantwortlich ist: beim Arzt. Patienten können so in direkter Rückkopplung ihrem Arzt danken (oder auch nicht). Allerdings unterläuft diese Praxis damit auch die Solidarität der Ärzte untereinander. Wer sich besonders viele und besonders wohlhabende Patienten angeln kann, lebt vortrefflich vom Dankgeld, das er noch nicht einmal versteuern muss. Ärzte mit Sport- oder Geländewagen gibt es deshalb auch in Ungarn. Assistenzärzte in der zweiten Reihe, die ohnehin schon ein niedrigeres Gehalt haben, gehen dabei leer aus, vom Pflege- und Verwaltungspersonal ganz zu schweigen.

Das hálapénz ist also trotz einiger Vorteile keine vernünftige, nachhaltige Lösung, um das ungarische Gesundheitssystem zu stabilisieren. Ganz im Gegenteil, diese Zahlungen diskreditieren das gesamte Gesundheitssystem und ziehen es in eine rechtliche und moralische Dunkelgrauzone. Es gibt im Augenblick offensichtlich keine vernünftigen Lösungen für das Problem der steigenden Kosten und der sinkenden Einnahmen im Gesundheitssystem. Aber hálapénz ist definitiv auch keine Lösung.

Vor einigen Monaten habe ich über die indische NGO Fith Pillar gelesen, die in Indien gegen die weitverbreitete Korruption kämpft. Dabei hatte Fith Pillar die schöne Idee, Geldscheine im Wert von Null Rupien zu drucken und mit dem Konterfei von Gandhi zu versehen. Damit werden unter anderem korrupte Beamte gedemütigt, die auf Zahlungen zur schnelleren Abwicklung von Anträgen bestehen. Man drückt ihnen einige Null-Rupien-Scheine in die Hand und zeigt ihnen damit, was man von dieser Praxis hält.

Das gleiche wäre doch auch in Ungarn denkbar. Da hier die Korruption vor allem im Gesundheitssystem in Form von hálapénz sichtbar ist, habe ich einen Null-Forint-Schein gebastelt mit dem Konterfei des berühmten ungarischen Arztes Semmelweisz. Den muss man nur ausdrucken und seinem Arzt in die Hand drücken!


The German Healthcare system is going down. At least that's what you can hear all the time, and everybody complains about the rising costs and that you have to stay in a four-bed-room in hospital and that the health insurance only pays a fraction of the costs of crowns and tooth implants. Germany is complaining on a very high level, though. In a Hungarian hospital, you might have to bring along your own linen, thermometer and even toilet paper. Not to mention edible provisions.

Those who can affort it, rather visit private doctors and private hospitals, like Dr. Rose. But most people cannot afford such a treatment of course. This leaves only the second-best possibility: You hand the doctor some money or some natural produce to secure a fast and good treatment. In Hungarian, you call this payment hálapénz, and it's daily life. Some estimations speak of an average of 110 million euro yearly that the Hungarian offer their doctors and nurses in brown envelopes, other estimations are several times higher. An average hospital stay costs about 100,- euro.

The doctors say that they need this money, since their income is very small. A general practicioner in southern Hungary earns between 1.000 and 2.000 euro brutto. Beginners in hospitals have a starter income of roughly 500,- euro. This income level, stressfull working conditions and rotten hospital equipment lead to the result, that several thousand Hungarian doctors rather work abroad, most of them in the UK. And that island isn't famous for it's exemplary health system. At the same time, several jobs in Hungarian hospitals remain vacant, and several general practicioners are already beyond retirement age but have no successors.

But in the health care system there simply isn't more money available. The high unemployment rate is to blame, but also the employers who pay only minimal wage. This way, they save on social security fees, and their employees receive the rest of their salary as illegal income.

57% of doctors are convinced that the gratitude money is necessary to increase their salaries to a reasonable level. 43% at the same time see the payments as a humiliation, because they depend on illegal payments.  Of course, no receipts are issued on the gratitude money. Those are the loosers who don't receive part of their salary this way, but at the same time have to pay gratitude money.

The hálapénz has a great advantage for everybody involved: The money doesn't get lost somewhere in the administration of state offices, health insurances and hospitals, it goes directly to the person who is responsible for the patient: the doctor. Patients can give direct feedback to their doctors and thank them (or not). On the other hand, this exercise undermines the solidarity of the doctors with each other. Those who are able to get a lot of wealthy patients can live very well with the help of gratitude money that doesn't even have to be taxed. Doctors with sports cars or all-terrain vehicles therefore can be seen in Hungary, too. Assistant doctors in the second row on the other hand, who already have low salaries, don't get very much, not to talk about the nursing staff and the administration personnel.

Though the hálapénz has some advantages, it is no reasonable, sustainable solution to stabilize the Hungarian health care system. Rather opposite, these payments discredit the whole health care system and pull it into a legally and morally rather dark grey zone. Obviously, currently there is no useful solution for the problem of rising costs and decreasing income in the health care system. But hálapénz definitely isn't a solution either.

Some months ago I have read about the Indian NGO Fith Pillar, which fights against the widespread corruption in India. Fifth Pillar had the nice idea to print bank notes with the value of zero Rupia and to use the portrait of Gandhi for this. This money is used to humiliate corrupt civil servants who insist on payments for a faster execution of applications. You have to put some Zero-Rupia-bills into their hands and show them what you think of this practice.

The same might be useful in Hungary. Here, corruption is mainly visible in form of hálapénz in the health care system. That's why I have tinkered a Zero-Forint-bill with the portrait of the famous Hungarian doctor Semmelweisz. You just have to print it out and hand it to your doctor!

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