Montag, 21. März 2011

Georg Kőváry: Ein Ungar kommt selten allein

Georg Kőváry hat ein Sachbuch über Ungarn geschrieben, aber es ist alles andere als sachlich, und das ist gut so. Das Buch hat schon einige Jahre auf dem Buckel, die erste Ausgabe erschien 1983. Diese Kritik bezieht sich auf die überarbeitete Neuauflage von 2009, die erst nach seinem Tod erschien. Aber im Großen und Ganzen hat sich zur vorhergehenden Version (die ich vor einigen Jahren mal gelesen habe) nichts Grundlegendes geändert. Zum Beispiel ist Imre Kertész ist als Nobelpreisträger ergänzt worden.

Kőváry springt vom Hölzchen zum Stöckchen, während er versucht, den ungarischen Charakter, das typisch Ungarische in einem Rahmen zu fassen: Typische Charaktereigenschaften der Ungarn: Liebe, Leidenschaft, Leichtsinn... Die ungarische Sprache. Ungarisch verfügt über einen lebendigen (!) Wortschatz von 250.000 Wörtern, Deutsch nur über 40.000 Wörter. Phonetik. Der ungarische Humor, der Budapester Humor. Ungarische Küche. Paprika. Franz Joseph und das Paprikahuhn. Gänseleber, Wein und Kaffee. Ungarische Diven im Ausland, von der albanischen Königin über Zsa Zsa Gábor bis Cicciolina.

Kein Buch über Ungarn kommt ohne einen Exkurs in die bewegte Geschichte des Landes aus. Kőváry beginnt mit Hunor und Magor, erklärt den Wegweiser nach Helsinki. Dann ein Live-Bericht für den Rundfunk über die Landnahme, inklusive der Übergabe von Gras, Wasser und Erde. Dann wechselt er aus der Welt der Sagen und Mythen in die etwas besser belegte Geschichtsschreibung, spricht über Géza, Stephan und Gisela, Könyves Kálmán, die goldene Bulle, die Tartaren, Béla IV, die Anjous, die Hunyádis, das Mittagsläuten, die Türken und die schwarze Suppe, die Kuruzzen, Maria Theresas Kniefall zu Pressburg, 1848 und Petőfi, Sisi, Trianon, Horthy, Szálasi, Rákosi... Das alles über knapp 30 Seiten, also extrem komprimiert und extrem unterhaltsam geschrieben. Dann etwas mehr Informationen über 1956 in die Emigration, denn schließlich war Kőváry davon selbst betroffen. Er flüchtete nach Wien und fand dort eine neue Heimat. Schließlich noch einige Worte über Kádár und die Wende.

Und weiter geht es dann mit dem Abschnitt "Ungarnpanoptikum". Je nach Interessenslage wird hier der Leser sicherlich einige Seiten überschlagen. Kőváry listet ab hier alle berühmten Ungarn aller Zeit auf, so fühlt es sich jedenfalls zwischendurch an. Er beginnt mit den Schriftstellern, z.B. Jókai, Madách und Mikszáth, Molnár, Karinthy... Dann geht er über zu den Erfindern. Irinyi: Streichhölzer. Semmelweis: Desinfektion. Eötvös: Torsionswaage. Puskás: Telefonzentrale. Schwarz: Luftschiff. Asbóth: Hubschrauber. Biró: Kugelschreiber. Rubik: Der Würfel. Szent-Györgyi: Vitamin C. Teller, Szilard und Neumann: Die Atombombe.

Es folgen die Sportler, und hier wird es für mich persönlich langsam anstrengend und langatmig, da mich der olypmische Mediallienspiegel völlig kalt lässt. Aber es gibt sicherlich Leute, die auch dieses Kapitel mit Interesse lesen. Interessanter finde ich den folgenden Abschnitt über Komponisten, von Erkel über Liszt (ja, der Franz ist je nach Ansicht Österreicher oder Ungar gewesen) bis Bartok und Kodály. Es folgen noch Operettenkönige und Filmkomponisten aus Hollywood. Dem Vorort von Los Angeles ist dann anschließend ein ganzes Kapitel gewidmet. Spannend, aber auch langatmig. Irgendwann hat man genug, und es interessiert einen nicht mehr, viele Ungarn es in Hollywood gab und gibt. Paramount: Generaldirektor Zukor war Ungarn. Fox: William Fox wurde in Ungarn geboren. Natürlich Michael Curtiz sowie später Tony Curtis. Und Goldwyn und Mayer waren beide ungarischer Abstammung. Johnny Weissmüller, in Temesvár geboren als János Weiss. Wenn Kőváry anschließend noch die Drehbuchautoren und Kameramänner auflistet, schaltet der Leser endgültig ab.


Zum Schluss listet Kőváry dann noch alle Berühmtheiten auf, die nicht richtig in die vorhergehenden Kategorien gepasst haben. Von Königin Elisabeth II (Enkelin von Claudia Rhédey und damit paprikablütig) über George Washington (kein Witz!) bis zum deutschen Medienzaren Josef von Ferenczy, der meiner Schwägerin mal ein Schaukelpferd geschenkt hat (auch kein Witz, gehört aber eigentlich nicht hierher...).
Ganz zum Schluss kommt ein neues Kapitel, dass es in früheren Auflagen nicht gab. Kőváry geht auf die jüngsten Entwicklungen ein, die Regierungen seit der Wende, die EU-Mitgliedschaft.

Das Buch ist durchweg humorvoll geschrieben. Mal ist es blödelnder Humor, mal sehr angestrengter Humor. Aber meistens sind es treffende Pointen und Beobachtungen und lustige Anekdoten. Und wenn die Geschichte wirklich nichts Lustiges mehr hergibt, bleiben noch immer ordentlich schwarzer Humor und Sarkasmus. Man merkt, dass Kőváry aus einer Kabarettistenfamilie stammt. Man lernt unglaublich viel über Ungarn aus diesem Buch und kann sich die meisten der Fakten und Anekdoten leider gar nicht merken. Deshalb ist das Buch auch als Nachschlagewerk gut geeignet. Der wichtigste Eindruck, den man nach diesem Buch hat: Ungarn sind wirklich überall. Und das ist ja auch der Titel des Buches: Ein Ungar kommt selten allein.

Fazit: Ein faktenreiches und humorvoll geschriebenes Buch über Land und Leute und vor allem ein Who is who der Ungarn im In- und Ausland der letzten 1.000 Jahre, mit schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert. Empfehlenswert für jeden, der in Ungarn mitreden möchte. Ungarn sind schließlich sehr stolz auf seine Berühmtheiten, und sie freuen sich, wenn man diese ebenfalls aufzuzählen und zu würdigen weiss. Dann erspart man sich Dialoge wie: "Du, ich habe gerade gelesen, dass Johnny Weissmüller auch Ungarn war." - "Natürlich. Wusstest Du das etwa noch nicht??!"

Meine Wertung:








Kőváry, Georg: Ein Ungar kommt selten allein. Der Magyarenspiegel aufpoliert. 9. Auflage.
Starks-Sture, München 2009.
ISBN 978-3-939586-11-1

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen