Montag, 14. März 2011

Malen nach Zahlen - Xenophobie

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat letzte Woche eine Stuide zu Intoleranz, Vorturteilen und Diskriminierung in Europa veröffentlicht: "Die Abwertung des Anderen."
In jeweils 1.000 telefonischen Interviews wurden von Mitarbeitern der Uni Bielefeld in Herbst und Winter 2008 repräsentativ ausgewählte Personen ab 16 Jahren in acht europäischen Ländern zu ihren Einstellungen befragt. Eines dieser Länder war Ungarn.
Herausgearbeitet wurden dabei die Einstellungen zu den Themenblöcken Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Islamdfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie.

Wenn man die antisemitische Grundstimmung in Ungarn kennt, erwarten einen in dieser Studie keine Überraschungen. Und wer weiss, mit welchem Polizeieinsatz die Gay Pride geschützt werden muss, wird auch hier nicht überrascht sein. Aber leider ist Ungarn auch beim Thema Ausländerfeindlichkeit kein europäisches Musterkind. Hier ein Blick auf einige der "Items" der Studie zum Thema Ausländerfeindlichkeit. Quelle ist die pdf-Datei, die auf der Homepage der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Download zur Verfügung steht.


Beim Lamentieren über die Anzahl der Ausländer liegt Ungarn im oberen Mittelfeld. Wenn man aber berücksichtigt, wieviele Ausländer es tatsächlich in Ungarn gibt... dazu weiter unten mehr. Ebenso das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land: In Budapest im Burgviertel oder im Széchenyi-Bad mag man sich manchmal fragen, in welchem Land man eigentlich gerade ist. Aber ich glaube nicht, dass in Hódmezővásárhely der Ausländeranteil so erdrückend ist, dass man sich fremd im eigenen Land fühlen muss.

Eine Schande ist es, dass die Ungarn auf dem letzten Platz liegen was die Bereicherung der Kultur durch Zuwanderer betrifft. Zitieren wir Stephan den Heiligen aus seinen "Ermahnungen" an seinen Sohn Imre: "Da die Gäste aus verschiedenen Gegenden und Ländern kommen, so bringen sie verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene Beispiele und Waffen mit sich, und all das schmückt das Land, erhöht den Glanz des Hofes und schreckt die Ausländer von der Protzerei ab. Weil das einsprachige Land mit einerlei Sitte schwach und gebrechlich ist, befehle ich Dir, mein Sohn, die Ankömmlinge wohlwollen dzu unterstützen und in Ehren zu halten, damit sie sich lieber bei dir aufhalten als anderswo zu wohnen."Tja, Imre wurde halt von einem Eber aufgespießt und konnte diese Ermahnungen nicht mehr umsetzen, und während Fidesz, Jobbik & Co. sich unter der heiligen Krone vor Ergriffenheit ob der historischen Größe des Landes die Seele aus dem Leib schluchzen, verdrängen sie gerne die wirklich großen Charakterzüge des Königs, der diese Krone "geheiligt" hat.


Wieviele Ausländer gibt es denn nun eigentlich in Ungarn? Die Antwort ist einfach: Verschwindend wenige! Seit 2001 hat sich der Ausländeranteil zwar fast verdoppelt, allerdings liegt er mit knapp 200.000 Menschen bei gerademal zwei Prozent der Bevölkerung. Der Löwenanteil davon stammt aus Rumänien, der Ukraine und Serbien (und der Slowakei) und kann damit ziemlich sicher den Auslandsungarn in den ungarisch besiedelten Grenzgebieten zugeordnet werden. Also eigentlich keine "echten" Ausländer. Dann haben wir da die Deutschen, die entweder als Firmenchefs und Manager kommen oder sich als Rentner in der Nähe des Balaton niedergelassen haben. Bleiben noch die Chinesen, im Land vor allem durch Billigkleidung und Schnellimbisse präsent. Der Rest ist Kleinkram.


Wo wohnen die Ausländer? Der Löwenanteil erwartungsgemäßig in Budapest und im Komitat Pest. Allerdings sind sie relativ gut auf's ganze Land verteilt, was sicherlich am hohen Anteil der Auslandsungarn liegt. Deshalb ist sicherlich auch im Komitat Csongrád der Ausländeranteil so hoch. Interessant ist, dass es im Norden und Nordosten die wenigsten Ausländer gibt.


Und wie ist es mit echter Einwanderung? Also nicht nur Ausländer, die hier einige Zeit leben, sondern echte Einwanderer? Noch dürftiger. Auch hier sind es vor allem Auslandsungarn, die sich einen ungarischen Pass besorgen. Aus dem Rest Europas stechen ansonsten noch die Russen und die Deutschen hervor. Den Rest der Welt kann man getrost vernachlässigen.
Wiederum lassen sich die meisten Einwanderer in Budapest und im Komitat Pest nieder, und wiederum siedeln sich die Ungarn aus Rumänien vermutlich hauptsächlich im Komitat Csongrád an. Im Komtitat Szabolcs-Szatmás-Bereg sind es dann eher Ungarn aus der Ukraine. In Nógrád und BAZ kommen dagegen 3.844 Einwohner auf einen Immigranten!



Wie kommt es dann, dass die Ausländerfeindlichkeit so ausgeprägt ist? In den neuen Bundesländern haben die Rechtsextremen auch mehr Erfolg, obwohl der Ausländeranteil dort niedriger ist als in den alten Ländern. Aber in Ungarn kann ich mir noch eine andere Erklärung vorstellen: Viele Menschen sehen Roma nicht als Einheimische sondern als Ausländer. Damit würden dann alle Vorurteile den Roma gegenüber durchschlagen auf die Fragen zur Ausländerfeindlichkeit. Allerdings gehe ich davon aus, dass die muttersprachlichen Interviewer der FES diesen Aspekt berücksichtigt haben. Also? Keine Ahnung!
Vielleicht sind meine Blog-Leser schlauer und nutzen mal die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag. Mich würde es interessieren, was andere zu diesem Thema denken.

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