Donnerstag, 22. September 2011

2011-38: Brot und Spiele in Madjarstan

Zehntausende demonstrierten am letzten Wochenende für Demokratie, Pressefreiheit und gegen die derzeitige Regierung... Wie bitte? Im falschen Film? Ach so, sorry. Sie demonstrierten für den Erhalt des Zöld Pardon am Brückenkopf der Lágymanyosi híd. Hat aber wohl nichts gebracht, das Areal wird geschlossen und planiert. Wo keine Lágymanyosi híd mehr ist, gibt es auch keinen Zöld Pardon mehr. Was hätte Rákóczi dazu gesagt... Das letzte Konzert wird Tankcsapda geben. Kopf hoch, auch morgen wartet noch ein neuer Tag.

Es ist ein gefährlicher Weg, dem Volk nach den vielen Freiheiten nun auch noch Brot und Spiele wegzunehmen. Wenn das Mediengesetz die Leute nicht hinter'm Ofen hervorlockt, Zöld Pardon scheint's zu schaffen. Und die durften sogar demonstrieren, im Gegensatz zum Gewerkschaftsbündnis, das am nächsten Samstag losziehen wollte. Aber leider stört das den Verkehr und die Parlamentarier beim Arbeiten, deshalb: Demonstrieren nicht erlaubt. Klar, das ist verständlich.

Was die Abgeordneten samstags im Parlament machen? Sie üben das Umgruppieren. Da es offensichtlich trotz 2/3-Mehrheit nicht genug Fidesz-Abgeordnete gibt, um alle freien Plätze zu besetzen, müssen die Anwesenden sich immer so umgruppieren, dass die Kameras der Presse volle Ränge aufzeichnen. Als wenn die das interessieren würde. Die lichten lieber die Manuskripte der Redner ab. Oder eher: lichteten. Denn kaum wurde Orbáns letztes Meisterstück öffentlich durch den Kakao gezogen, wurden die Kameras bestimmter Presseorgane von Kövér aus dem Parlament ausgeschlossen. Dabei war er doch selbst daran Schuld, indem er die Presse auf die Ränge verwiesen hat. Der weiss auch nicht, was er will. Ist also in der richtigen Partei.

Ach ja, ausgeschlossen: Kertész Ákos ist jetzt ausgeschlossen, denn er hat keinen Schlüssel mehr für Budapest. Will heissen, er ist kein Ehrenbürger der Stadt mehr. Kertész hatte der amerikanischen Népszava ein ziemlich dämliches Interview gegeben, ohne irgendeine Ahnung von Genetik zu haben. Jetzt heulen alle aufrechten Rechten, er hätte das ungarische Volk beleidigt. Die haben auch keine Ahnung von Genetik. Aber sie haben die Macht, also nehmen sie ihm das Ehrenbürgerrecht und demnächst vielleicht auch den Kossúth-Preis. Und als nächstes werden sie Bayer Zsolt die Madách-Medaille wegnehmen und Gömbös Gyula doch wieder die Ehrenbürgerschaft von Orosháza aberkennen.

Wie bitte? Wo ich meine Medikamente vergessen habe? Na, die liegen wahrscheinlich mit denen von Matolcsy in einer Schublade. Zumindest ist die LMP während der Budget-Präsentation davon ausgegangen, dass Matolcsy dringend Medikamente einwerfen sollte, zum Schutze der Nation von ihrem Finanzjongleur. Mehrwersteuersatz in Zukunft: 27%. Damit wird Ungarn nach der lächerlichen Ratspräsidentschaft endlich Europa richtig anführen und Schweden und Dänemark mit ihren 25% auf die Plätze verweisen.

Falls Ungarn während der nächsten Olympiade andere Länder auf die Plätze verweist, wird das leider niemand bemerken. Denn "Hungary" wird an der nächsten Olympiade nicht teilnehmen, sondern "Magyarország". Was für eine schöne, patriotische Idee! Aber wenn, dann bitte auch gleich in Runenschrift! Der Vorteil: Niemand kapiert, woher diese Sportler kommen, und sie werden mit freundlichem Applaus empfangen. Ansonsten könnte es in der europäischen Bankenmetropole etwas unangenehm werden für die Ungarn.

Várga Mihaly hat gerade verlauten lassen, dass er es für vertretbar hält, wenn ein, zwei Banken im Zusammenhang mit dem aktuellen Banküberfall das Land verlassen. Sie haben die Ungarn schließlich aus völlig eigennützigen Gründen in die Falle gelockt und sie überredet, diese Kredite aufzunehmen...
Wie böse. Normalerweise machen Banken so etwas nicht. Es gibt eigentlich überhaupt kein Unternehmen, das auf Gewinn ausgerichtet ist, die arbeiten alle nur aus Spaß an der Freude und aus Gemeinnützigkeit. Diese Einstellung der Regierung zeigt zweierlei: Absolute Unkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge, und absolute Arroganz dem eigenen Volk gegenüber, das offensichtlich für so dumm und unbedarft gehalten wird, dass es in jede Falle gelockt werden kann und deshalb unbedingt vor sich selbst geschützt werden muss. Verdammt, und die scheinen sogar Recht zu haben, immerhin haben sich die Leute auch dazu überreden lassen, Fidesz zu wählen.

Weniger Erfolg beim Überreden scheint Schmitt in den USA gehabt zu haben. Szent Pál lief letzte Woche durch die USA, legte Kränze an Kossúth-Büsten nieder und versuchte, Staatsbürgerschaften zu verkaufen. Offensichtlich war er genauso erfolgreich wie Kossúth damals beim Versuch, die Amis für den ungarischen Freiheitskampf zu begeistern. Aber seither hat sich ja auch viel getan an der Donau. Die Demokratie kam, ging wieder, wurde sozialistisch, dann wieder frei, und jetzt ist Orbán da. Das State Deparment sagt allerdings, Ungarn sei noch immer auf dem demokratischen Weg. Letzte Woche war's noch der griechische Weg. Vielleicht hat der Deputy Assistant O'Melia da was verwechselt, von wegen Wiege der Demokratie und so. Aber das hat Orbán sicherlich nicht gemeint.

Kommentare:

  1. sorry, der zöld pardon war nie am lágymányosi híd, sondern am petőfi híd.

    was hat es mit der olympiade auf sich? ist mir da etwas entgangen? :O

    AntwortenLöschen
  2. Mist... Jetzt habe ich mich als Couch Potatoe geoutet! Ich war nämlich selbst noch nie im Zöld Pardon, sonst wäre mir so ein Fehler sicher nicht unterlaufen. Allerdings muss ich trotzdem geistig umnachtet gewesen sein, denn auch so ist mir klar, dass das die Petöfi híd ist und nicht die Rákóczi híd. Eigentlich nicht zu verwechseln... Hier ein wunderschönes Musterstudentenwohnheim, dort ein bildhübsches Nationaltheater!

    Danke für die Korrektur, scheint entweder sonst niemandem aufgefallen zu sein, oder niemand hat's für nötig gehalten, mich zu berichtigen.

    Bzgl. Olympiade: Da gibt's die Überlegung, den Namen "Hungary" auf den Trikots durch "Magyarország" zu ersetzen. Wird aber wahrscheinlich nur halb so heiss gegessen wie's gekocht wurde.

    AntwortenLöschen