Sonntag, 9. Oktober 2011

2011-40: Darth Vik und die Fideth

Letzte Woche gab's keinen Rückblick, weil ich gesundheitlich angeschlagen war. Kopfschmerzen und Schwindelgefühl. Denn beim Studieren der täglichen Nachrichten habe ich zu oft den Kopf geschüttelt oder auf die Tischplatte gehauen. Das hinterlässt rote Spuren auf der Stirn.

Rote Spuren finden sich auch nach einem Jahr noch in Devecser. Aber die Regierung hat die Katastrophe heldenhaft gemeistert und war der Welt ein Beispiel für bilderbuchhaftes Krisenmanagement. Sagt die Regierung. Dabei droht schon die nächste rote Flut! Nein, die Rede ist nicht von Almásfűzitő, wo unmittelbar neben der Donau ein weiteres brüchiges Rotschlammbecken darauf wartet, ins Donaudelta gespült zu werden. Darum kümmert sich Greenpeace.

Nein, die Rede ist von den chinesischen Kommunisten! Schließlich wollen die Ungarn aufkaufen. Die investieren, eröffnen überall ihre chinesischen Kramläden, liebäugeln mit der Infrastruktur und exportieren viele ihrer Staatsbürger nach Ungarn. Überfremdung! Feindliche Übernahme! Wie bitte, das darf man nur sagen, wenn es um Israelis geht? Chinesen sind in Ordnung? Ach so. Verdrehte Welt. Ich dachte, die Kommunisten und Sozialisten seien die Bösen. Dabei sind die es nun, die mit Investoren gemeinsame Sache machen, um Kasinos in Sukoró hochzuziehen, und die den Ferihegy an Hochtief verscherbelt haben. Das angeblich mit hohen Verlusten für das ungarische Volk, genau wie in Sukoró. Die Konservativen dagegen verstaatlichen lieber, oder wieder-verstaatlichen. Das lohnt sich dann für's Volk, das wirft richtig Gewinn ab. Sieht man schon bei der Malév.

Und genau hier kommen vielleicht die Chinesen ins Spiel. Mit den Russen hat man's ja schon vergeblich versucht. Jetzt sollen es also die Chinesen richten, nicht bei der Malév, sondern für ganz Ungarn. Mit Renmindbis Hilfe wird Ungarn wie ein Phönix aus der Asche steigen, und Justin Bieber wird dazu einen seiner Hits schmettern. Wie? Schon wieder was falsch verstanden? Ach so, nicht Justin sondern Tibor József. Und nur Biber, ohne e. Kann ja mal passieren.

Das Pikante ist: keiner weiss, wie genau Orbán die ungarische Seele für ein paar Yuan an Wen Jiabao verkauft hat. Das ist nämlich noch geheim. Ein Gericht hat jetzt die Regierung zwar dazu verdonnert, die chinesischen Verträge offenzulegen, schließlich ist Ungarn keine Volksrepublik. Aber abwarten. Wahrscheinlich isst Orbán die Verträge lieber auf, bevor er sich einem Gerichtsurteil unterwirft.

Vielleicht habe ich aus etwas übertrieben: So ganz gegen Privatisierung ist die Regierung nun auch wieder nicht. Instandhaltung von Autobahnschildern, Einrichtung von Alarmsystemen, Bewachungsaufgaben - das alles machen keine Beamten, dafür nutzt man die Privatwirtschaft. Will sagen, die eigene, private Wirtschaft. Pintér Sándor ist darin unverhohlener, ungenierter Spezialist. Vielleicht werden seine Leute ja auch als "Meditationspersonal" zwischen den Fronten der Demonstrationen am 23. Oktober eingesetzt. Die Jungs haben bestimmt keine Nummern an ihren Westen. Damit würde die Fidesz-Demonstration am Astoria in einem ganz anderen Licht erscheinen: Nicht als Provokation und dümmlicher Versuch, die Opposition am Demonstrieren zu hindern, sondern als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Da hätte ich dann aber noch ganz andere Ideen: Wie wär's zum Beispiel, wenn Pintérs Freunde die Polizei beim Kampf gegen Obdachlose im 9. Bezirk unterstützen würden? Wohlgemerkt: Nicht Kampf gegen den "Lifestyle" Obdachlosigkeit, sondern gegen Obdachlose. Denn Ursachenbekämpfung sieht anders aus, als die Bettler und Parkschläfer einzusammeln, wegzusperren oder in andere Stadtbezirke abzuschieben. Aber Ursachenbekämpfung wäre ja auch viel zu kompliziert und langwierig, der Fidesz braucht's schwarz-weiss, ein klares Feindbild.

Man muss den Obdachlosen nur eine Perspektive bieten, eine Aufgabe, eine Berufung. Dann wird das schon ganz von alleine. Wie wär's zum Beispiel mit Schauspielerei? Bretter, die die Welt bedeuten! Da gibt's demnächst vermutlich viele freie Stellen im nicht mehr neuen Új Színház zu besetzen, wenn alle aufrechten Menschen dort das Weite gesucht haben. Denn wenn es nach Tarlós geht, nehmen dort Dörner (Jobbik) und Csurka (MIÉP) das Heft in die Hand und benennen das Theater um, sinngemäß in Hinterland- oder Heimatfronttheater. Dann könnte man dort doch sinnstiftend Obdachlose zwangsverpflichten und auf Godot warten lassen.

Das Heimatfronttheater ist nicht der erste und bei weitem nicht der letzte Schritt zur Gleichschaltung auf den volkskonservativen Fidesz-Gleichklang. Und falls Lázár demnächst tatsächlich Superminister für alles mögliche inklusive Kultur und Bildung werden sollte, geht es zügig weiter. Nur Hoffmann Rózsa bleibt dann vielleicht auf der Strecke. So findet man auch in finsterster Nacht noch einen Stern der Hoffnung am Himmel. Aber Kultur, soviel ist sicher, ist in Zukunft weiterhin nur das, was sich Orbán gerne anschauen würde. Erbauliche, leichte Kost für müde Väter christlicher Großfamilien. ARC gehört zum Beispiel definitiv nicht dazu. Deshalb finden sich auch keine Sponsoren mehr, die meist herzlich bissige Posterausstellung am Városliget fällt dieses Jahr aus.

Na, und da wundern sich manche, dass die Berichterstattung über Ungarn im Ausland immer so negativ ist. Dabei stimmt das noch nicht einmal. Gerade erst hat die BILD, wie immer ins Detail gehend und eloquent, Orbán über den Klee gelobt. Er kämpft für sein Volk gegen die Banken! Super! Und dann war da vor kurzem noch die Berichterstattung über die Pole Dance Weltmeisterschaft. Das sind doch tolle Neuigkeiten: Nichts über Gyöngyöspata, Pressefreiheit oder so. Sondern richtig positive Nachrichten, die ein weltoffenes Bild von Ungarn zeichnen. Wahrscheinlich haben sich da diversen KDNP-Freunden trotzdem die Zehennägel aufgestellt, als sie erfahren haben, dass an dieser WM auch Männer teilgenommen haben. In Gladiatorenkostümen und mit Schminke im Gesicht...

Irgendwas war da doch noch? Ach ja, hallo Herr Kaiser! Die Hamburg-Mannheimer/ERGO und ihr schlüpfriger Trip nach Budapest waren natürlich auch eine schöne Schlagzeile. Wochenlang wurde ich von Kollegen angesprochen, ob ich nicht für unsere europäische Vertriebsmannschaft auch so eine Reise organisieren könnte. Ich finde, Danubius Hotels hat viel zu wenig Kapital aus dieser Sache geschlagen. Anstatt sich aus allem rauszureden, hätten sie zu ihrem Animationsangebot im Gellért stehen müssen, das hätte ein Renner werden können. Jetzt müssen sie massiv kürzen und viele Angestellte entlassen, sicherlich inklusive Animationsdamen. Klassische strategische Fehlentscheidung.

Bleibt zum Schluss noch die Volkszählung zu erwähnen. Inzwischen ist auch in Ungarn die Mode angekommen, sich bei Volkszählungen nicht als Christ, Moslem, Jude oder Atheist zu bezeichnen sondern als Jedi. In anderen Ländern ist das eine dumme Blödelei, bei uns ist es todernst: Wir sind alle Jedi im Kampf gegen die dunkle Seite der Macht, gegen Darth Vik und die Fideth. Möge die Macht mit uns sein!

Kommentare:

  1. du meinst 8. bezirk!
    füllt man den volkszählungsfragebogen im internet aus, kann man bei der staatsbürgerschaft nicht jedi angeben und bei der volkszugehörigkeit auch nicht. nur bei der religion!

    AntwortenLöschen
  2. Ach, irgendwie ist der Wurm drin. Beim letzten Mal die falsche Brücke, heute der falsche Bezirk. Ich schieb's einfach mal auf die römischen Zahlen! ;-) VIII ist natürlich korrekt.

    Ich meinte oben auch die Religion, nicht die Staatsbürgerschaft. Letzteres ist ja irgendwo verbrieft, ersteres kann sich jeder ausdenken wie er will. Ich habe gehört, dass man im Internet nicht mal bei der Religion diese Wahlfreiheit hat, sondern nur beim handschriftlichen Ausfüllen. Da ich meine Nummer... Identifikationsnummer?... noch nicht erhalten habe, konnte ich's noch nicht testen. Im Zweifelsfall reicht mir "Atheist" aus. "Europäer" als Staatsbürgerschaft wäre aber doch irgendwie ganz reizvoll.

    AntwortenLöschen