Freitag, 13. Januar 2012

2012-02: Exit-Strategie - Kamikaze-Vik wird Metro-Fahrer

Man braucht schon ein hauptamtliches Nachrichtenkomitee, um aus den Absurditäten der Woche einige rauspicken und drüber schreiben zu können. Denn über alles kann man gar nicht lachen und weinen, das würde gar kein Ende nehmen. Zum Glück hat Ungarn bald ein solches Nachrichtenkomitee. Denn nachdem man die Presse von allen sozialistischen Maulkörben befreit hat, muss man den ängstlichen Journalisten jetzt die Pressefreiheit erst noch richtig beibringen. Das ist die Aufgabe dieses Komitees. Die Mitglieder werden die Außenreporter, Moderatoren und vor allem die Leute an den Schneidpulten verständnisvoll bei der Hand nehmen und ihnen zeigen, wie man plumpe Fälschungen und Weglassungen in echte Nachrichten verwandelt, deren Wahrheitsgehalt nur diejenigen erkennen können, die vor Ort waren. Ziel ist, dass sich niemand mehr beschweren kann. Und wer's trotzdem tut, soll halt verhungern.

Man müsste meinen, dass es im Internet-Zeitalter gar nicht mehr so wichtig ist, was in den Medien so läuft. Aber wer abends auf dem Sofa sitzt, schaut fern. Und wer hört schon Internetradio, während er morgens auf der M7 im Stau steht? Da ist es nur konsequent, den einen (Klubradio) die Frequenz wegzunehmen und den anderen (ATV) den Progammplatz im Kabelnetz so zu verschieben, dass den kein Schwein mehr wiederfindet. Danke, Telekom! Das ist wohl eine Art Stockholm-Syndrom, wenn Obermann so eine Schikane willig umsetzt? Waren die Sondersteuern nicht schmerzhaft genug, oder ist es vorauseilender Gehorsam, damit die Steuerschraube nicht noch weiter angezogen wird? In jedem Fall: pfui. Liebe Telekomkunden, schreibt Obermann einen Brief!

Nicht nur Radio und Fernsehen haben das Internet bisher überlebt, es werden auch wieder vermehrt Briefe geschrieben. Barosso macht das zum Beispiel regelmäßig, oder Hillary Clinton. Und auch Ratzinger schickt ab und zu mal Engelspost. Zum Beispiel zum Jahreswechsel. Und was macht die schönste aller Rosen? Sie lässt diesen Brief von Szent Pál kopieren und an alle Schulen im Land verschicken. Wohlgemerkt, auch an alle staatlichen Schulen, nicht nur an Einrichtungen in katholischer Trägerschaft. Hoffmann ist der Meinung, dass Ratzingers Worte ihre Bildungssystemvergewaltigung (Reform wollen wir das nicht nennen) unterstützen. Sicher? Ratzinger sagt zum Beispiel, dass die Aufgabe von Bildung die Freiheit und nicht der Zwang sei. Wie verträgt sich das damit, das ungarische Bildungswesen in die Zwangsjacke Hoffmanns konservativ-reaktionärer Fantasiewelten zu stecken? Was kommt als nächstes?
Im Kommentarbereich von eduline.hu wagt einer die Prognose: Als nächstes müssen Kreuze in allen Klassenzimmern hängen, und anschließend schicken die Jesuiten ihre Kommissare, und die Inquistion wird eingeführt. Ich denke, Bobby Henderson sollte ebenfalls ein Rundschreiben an Hoffmann schicken und freie Schulspeisung für alle fordern. Und zwar Spaghetti mit Tomatensoße und Fleischbällchen!

Noch mal kurz zurück zu den Briefen. Bei Emails kann man sich immer rausreden: Ist nicht angekommen, muss im Spam-Filter gelöscht worden sein. Oder vielleicht Netzwerkfehler. Bei Briefen ist das schwieriger, aber die ungarische Post ist gut darin, Briefe spurlos verschwinden zu lassen. Man könnte sich also rausreden. Aber wenn die Botschafterin den Brief persönlich vorbeibringt, war's das wohl. Doch wer sagt, dass man sofort antworten muss? Keine Antwort ist schließlich auch eine Antwort.
Oder wie Frau Kounalakis sagen würde, wenn man den Diplo-Sprech übersetzen würde: "Wir haben bisher keine Antwort auf Clintons Brief erhalten, Orbán redet lieber mit der Presse. So haben wir erfahren, dass er uns vielleicht trotzdem irgendwann eine Antwort schicken wird. Wir wollen auch gar nicht drängeln, aber wir machen jeden Tag ein dickes Kreuz in den Kalender. Wir haben uns monatelang den Mund fusselig geredet, aber Orbán kümmert sich einen Dreck um die eigenen und um die Worte anderer. Hat er ja selbst zugegeben. Also haben wir's mal schriftlich versucht. Aber der Paprikasack lässt uns weiterhin einfach ins Leere laufen. Die Türen sind offen, sagt die Regierung. Aber wohl leider doch eher auf Durchzug..." Da habe ich nur noch eine einzige Frage: Kann man "very disappointed" in der Diplomatensprache eigentlich noch steigern, oder ist der nächste Schritt schon das Embargo?

Interviews erscheinen in letzter Zeit auch öfters. Kounalakis, Pusztaranger, Orbán... Orbán? Wer traut sich denn, den zu interviewen? Da kann man doch nur verlieren. Am Schluss gibt's Dementi, und der Journalist muss wegen seiner fahrlässigen Ungenauigkeiten den Hut nehmen. "Wenn der IWF kommt, gehe ich." Hat Orbán ganz sicher niemals gesagt. "Eine Million neue Arbeitsplätze!" Was für einen Blödsinn hat die Presse sich denn da ausgedacht... "Ich bin ein Krieger, ich fühle mich im Kampf am wohlsten." Ähhh... gut. Warum strebst Du nicht lieber eine Karriere bei der japanischen Luftwaffe an, Vik? Da kommt Kamikaze besser an als bei einem Regierungschef.

Alternativ würde ich sonst noch Metro-Fahrer vorschlagen. Oder einfach nur Passagier. Für beide sinken die Überlebenschancen rapide, täglich ist man in Gefahr, ausgeräuchert zu werden. Diese Woche Montag und Dienstag stand unter Tage mal wieder alles still, weil's ordentlich gequalmt hat. Mal die Bremsen, mal die Elektrik. Nur eines kann die Katastrophe noch verhindern: Der BKV-Bankrott. Wenn nichts mehr fährt, kann auch nichts mehr brennen. Scheint im Augenblick nur eine Frage der Zeit zu sein. Denn das Geld braucht man woanders, zum Beispiel für die neuen Stadtflaggen, weil Tarlós ja unbedingt was Unrumänisches wollte. Und für neue Straßenschilder. Und außerdem muss er ja das Polizeiaufgebot für die EuroGames einplanen. Auch Czeglédi János von Jobbik macht sich darum Sorgen und vergisst, dass Arschgesichter wie er und seine Glatzenfreunde der Grund für die Kordons sind, und nicht die friedlichen Sportler und ihre Fans. Ich stelle mir die Schlagzeile vor, wenn der Jobbik-Mob über Wowi herfällt...

Aber das Abendland geht ja sowieso bald unter. Bis heute hat Ungarn es tapfer verteidigt, aber jetzt fällt man den Magyaren aus Brüssel einfach in den Rücken und treibt das Volk ins Verderben: Homo-Ehe! Aber ist diese angebliche Verhandlungsforderung der EU nicht eher ein "strawman", den Magyar Nemzet in den Raum gestellt hat? Natürlich will man in Brüssel nicht akzeptieren, dass Ungarn die Grundrechte beschneidet. Aber so plakativ: "Homo-Ehe oder kein Geld!" hat das in der Kommission sicherlich niemand formuliert. Aber schön, dass man sich darüber jetzt so richtig empören kann, wie zum Beispiel Harrach Péter von der KDNP. Denn Harrach Péter ist gegen den Gebrauch von Handschellen. Er meint, Menschen sollten sich hinter geschlossener Tür frei zu ihrer sexuellen Identität bekennen können. Also frei, ohne Handschellen. Auch ohne rosa Plüschhandschellen. Auch ohne Hoffman Rózsa.

Und dann auch noch Gyurcsány! Können wir nicht über ein anderes Thema verhandeln? Pressefreiheit, Renten, Zentralbank, Arbeitsrecht... Das ist alles akzeptabel, das kann Viktór alles irgendwie schlucken. Aber von der EU gesagt zu bekommen: "Lass den Feri in Ruhe!" Na, das geht zu weit. Finde ich übrigens auch. Die Kommission sollte lieber auf ein faires Gerichtsverfahren drängen, dann lösen sich die Probleme von selbst, und Orbán steht nur noch als Dorftrottel da und nicht mehr als Held, der den Staatsfeind ja gerne hinter Gitter gebracht hätte, wenn die EU nicht gewesen wäre.

Genug getippt, ich habe Hunger. Ich gehe jetzt mit meiner Erzsébet-Karte exklusiv zu CBA und werfe dem Fidesz ein paar Forint in den Rachen. Wer wird sich schon über eine solche Kleinigkeit wie Bevorteilung guter Freunde aufregen, wenn die Demokratie auf der Kippe steht?

1 Kommentar:

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