Samstag, 7. Januar 2012

Wort zum Wochenende...

Liebe Leser!

Ich bewundere die Ausdauer, mit der Pusztaranger tagtäglich so viele wahnwitzige Details aus der ungarischen Nachrichtenwelt zusammenträgt und übersetzt und auch noch Hintergrundquellen auftut und auswertet, die Leuten wie mir verschlossen bleiben. Für einen Ausländer mag ich einigermaßen passabel Ungarisch sprechen, aber ich bin weit davon entfernt, Népszabadság oder HVG ohne Wörterbuch lesen zu können, geschweige denn mich durch rechtsradikale Foren klicken zu können oder die verschwurbelten Statements von Szíjártó, Lázár oder Selemczi problemlos verstehen zu können.

Wer die ungarischen Wirtschaftsnachrichten liest, wird auch verstehen, dass ich beruflich einigermaßen ein- und angespannt bin. Mein genauer Job und die Branche tun nichts zur Sache, schließlich darf ich ja nach dem neuen Arbeitsrecht in meiner Freizeit nichts sagen, was meinen Arbeitgeber in ein schlechtes Licht rückt oder ihm schaden könnte. Orbán einen Vollidioten zu nennen könnte da vielleicht schon mal zu einer APEH-Razzia führen. Oder bin ich schon paranoid? Ach ja, die APEH gibt's ja gar nicht mehr. Komisch, dass man beim Stichwort NAV von Google weiterhin zu www.apeh.hu geschickt wird. Tja, auf der M1/M7 wird man ja auch weiterhin zur Lágymányosi híd und nicht zur Rákóczi híd geschickt. Aber ich verzettel mich gerade. In a nutshell: Orbán bereitet nicht nur dem sozialliberalen Demokraten in mir schlaflose Nächte, sondern auch dem Vertriebsleiter.

Dazu kommen dann noch die Aufgaben und Verantwortung als Familienvater und seit einem Schnäppchenkauf in der Immobilienkrise auch als Hausbesitzer. Beides frisst viel mehr Zeit, als ich mir jemals vorgestellt habe. Am Ende des Tages sage ich mir immer: "Morgen muss ich endlich wieder an einem schön sarkastisch-zynischen Wochenrückblick arbeiten..." Und dann wird's wieder nix. Ich bin mir nicht sicher, ob ich während der letzten zwei Monate und während der Pause davor wirklich eine große Lücke hinterlassen habe. Der Pester Lloyd berichtet umfassend, und Pusztaranger lässt keine Lücken zu. Und seitdem die "8.000" ewiggestrigen sozialistischen Regierungshasser zu Zehntausenden in der Tagesschau zu sehen waren (und nicht im MTV), ist das Thema Ungarn ja endlich seit Gyöngyöspata mal wieder im Medien-Mainstream angekommen und bleibt dort vermutlich auch noch eine Weile. Vermutlich kommt man also auch ganz gut ohne meine bescheidenen Zurufe von der Seitenlinie aus. Trotzdem werde ich versuchen - Ihr wisst schon, Neujahr, gute Vorsätze und so weiter -, jetzt wieder einzusteigen. 

Denn am Ende des Tages kommt es dann vermutlich doch auf jede Stimme der Vernunft an. Ob Orbán sich von diesem Chor beeinflussen lässt, ist die eine Frage. Vermutlich nicht. Die andere Frage ist, ob ein Demokrat es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, in dieser Lage zu schweigen. Wenn es erst zu spät ist und wir ein zweites Weissrussland an der Donau haben, werden sich alle fragen, wie es dazu gekommen ist. Und ich will mich nicht meinem Sohn stellen müssen, wenn er mich fragt, warum ich geschwiegen habe. Eine amerikanische Anruferin hat gestern auf Klubrádió einen Vergleich zum Aufstieg der Nazis in der Weimarer Republik aufgestellt. Am Ende meinte sie: "Ich habe jetzt nicht gesagt, dass ich Orbán mit Hitler vergleiche. Noch nicht." Als Modell für das Entstehen einer Diktatur aus einer Demokratie heraus dient das Dritte Reich vermutlich. Aber Orbán kann man tatsächlich nicht mit Hitler vergleichen. Gut, beide sind weitgehend durchgeknallt. Aber Hitler hatte einen großen (wahnsinnigen) Plan, er wollte Großdeutschland, er wollte die reine arische Rasse schaffen. Orbán dagegen scheint nur die Macht spüren zu wollen, nur seine Gegner in Grund und Boden stampfen zu wollen. Und seit er die Macht hat, hat er keine Ahnung mehr, was er eigentlich damit tun soll. Großungarn? Ich glaube nicht, dass das sein Lebenstraum ist. Orbán ist nur ein kleiner, mieser Politiker mit einem zu großen Ego und viel zu viel Macht. Trotzdem ist er brandgefährlich, und keiner sollte dazu fatalistisch schweigen.

So, das war mein Wort zum Wochenende...

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