Freitag, 3. Februar 2012

2012-05: Betonköpfe im Schneesturm

"Und nicht die warmen Schühchen vergessen, denn es ist saukalt da draußen." - "Es ist jeden Tag saukalt, wo sind wir hier, in Miami Beach?" - Tja, sowohl die Bären in Ungarn als auch Phil in Punxsutawney haben ihre Schatten gesehen, der Winter bleibt also noch einige Wochen. Beziehungsweise, er kommt gerade erst richtig in Fahrt. Südungarn ist bereits weiss, in Budapest warten wir noch auf den Schnee. Und auf die Kältetoten. Bisher gab es noch keinen einzigen. Auch hier mag die Selbstzensur eingegriffen haben, denn was würde das für ein Licht auf die Regierung werfen, wenn ihr die Bürger unter der Hand wegsterben? Und so erfrieren rundherum in Europa die Obdachlosen, während wir in Ungarn offiziell noch Friede, Freude und Palacsinta haben, mit polizeilich bewachten Obdachlosenunterkünften und rigorosen Herumlunger- und Bettelverboten für die Budapester Innenstadt.

Patriotische Ungarn harren ohnehin stoisch auf ihrer Scholle aus, und sei es auch eine Eisscholle. Wo sollen sie auch hin? In den Süden fliegen? Mit der Malév vielleicht? Daraus wird nichts mehr. Die Malév ist am Boden. Seit dem 3. Januar ruht der Flugbetrieb. Damit hat die unendliche Geschichte einen weiteren Höhepunkt erreicht. Aber wovon soll man auch den Sprit bezahlen, wenn man so viel Verwaltung mit sich herumschleppt, weder billig noch schnell noch komfortabel ist, keine neuen Finanzspritzen bekommt und alle fähigen Manager rauswirft oder in die Kündigung treibt?
Die Malév ist jetzt also pleite, aber noch lange nicht in Konkurs. Denn sie wurde zu einem Unternehmen von höchster strategischer Bedeutung gekürt und ist damit vor einem angestrengten Insolvenzverfahren geschützt. Mit dem Vidámpark macht man das bestimmt demnächst genauso. Man kann die Malév also nicht in den Konkurs zwingen, man kann aber Celebi auch nicht zum Betanken zwingen. Mal sehen, wie's jetzt weitergeht. Die Geschichtsbücher und Bibeln sind voll von auferstandenen Zombies, und wie Udo so schön gesungen hat: Mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss...


Wir warten also auf den Schneesturm, während rundherum in Europa ein shitstorm tobt. Mittlerweile kann man jede x-beliebige Zeitung aufschlagen und wird irgendwo zumindest eine Randnotiz zum Thema Ungarn finden. Am Ungarn-Bashing beteiligen sich allerdings hauptsächlich linksorientierte Publikationen, die von der sozialistischen Weltverschwörung gelenkt werden. Zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Welt oder das fast schon linksautonome Magazin Cicero.

Dabei bringt es überhaupt nichts, Ungarn mit Scheiße zu bewerfen. Davon gibt es hier sowieso schon genug. Meistens trägt diese Scheiße rot-weiß gestreifte Halstücher. Ist das nicht irgendwie schwul, wenn Männer Halstücher tragen? Ach, wie auch immer. Diese Woche hat sich jedenfalls wieder ein besonders großer Haufen vor dem Új Színház in Budapest manifestiert, vor sich hin gemüffelt und seine dumpfen Parolen gegrölt. Die Polizei war natürlich überfordert.

Ganz anders die gebildeten Rechten, die geistigen Brandstifter und geistigen Romamörder. Die machen auf Kultur. Dörner hat jetzt sein Theater. Auch wenn das leer steht, weil sein Vorgänger mit den Schauspielern erstmal auf Tournee nach Novi Sad gegangen ist. Bayer hat die Madách-Medaille am Hals baumeln, weil er so schöne Prosa über exekutierte und verscharrte Kommunisten schreibt. Und Deutsch Tamás darf sich jetzt Ehrenbürger des Komitats Csongrád nennen. Vielleicht, weil er so fantasievolle Beschimpfungen gegen Gyurcsány hervorgebracht hat?

Aber da unten im Süden stimmt ja so einiges nicht. Man schaue nur nach Hódmezővásárhely. Als Andi und Piroska da Signal gemacht haben, war die Welt noch fast in Ordnung. Heute gibt es die Erste Bank. Dieses gierige, unersättliche Finanzmonster hat doch tatsächlich den armen, unschuldigen und unwissenden Lázár in 2006 zu einem Frankenkredit verführt. Und jetzt will die Bank doch tatsächlich die ihr vertraglich zustehenden Zinsen und Tilgungen einfordern, obwohl Hódmezővásárhely kein Geld hat. Steckt vermutlich alles im Kommunismus-Museum und in Lázárs Audi. Wie kann die Bank nur so unmenschlich sein... Das denkt sich auch Lázár und hetzt öffentlich gegen die Bank, so dass viele Stadtangestellte ihre Konten dort bereits aufgelöst haben.
Hallooo? Können wir mal wieder auf den Teppich kommen und darüber reden, wer hier denn den Vertrag mit der Bank geschlossen hat? Lázár? Es ist gut und schön, dass die Regierung den Bürgern unschuldige Unwissenheit unterstellt und behauptet, die Menschen seien alle verführt und nicht über die Risiken von Forex-Krediten aufgeklärt worden. Aber sollte man bei einer Stadtverwaltung und ihrem Bürgermeister nicht andere Maßstäbe ansetzen?

Warum nur hat Lázár damals nicht patriotisch mit der OTP gearbeitet sondern mit den Ösis? Vielleicht hat Csányi Sándor ja nach gründlicher Betrachtung das Geschäft abgelehnt, weil die Finanzen der Stadt nicht solide waren und der Bürgermeister zu windig. Wie hätte er wissen sollen, dass er ansonsten jetzt nicht nur Orbán in der Tasche hätte sondern auch seinen Fraktionsführer.
Aber was soll's, auch so läuft's gut für Csányi. Da wäre zum Beispiel die SZÉP-Karte, die läuft exklusiv über die OTP. Was für ein Zufall. Und die patriotische Refinanzierung der privaten Forex-Kredite hat bestimmt auch schön viel Geld in die Kassen gespült. Allein im Januar wurden 13.000 Immobilien verkauft, weil die Leute dringend Bares zur Ablösung brauchten.

Und dann wäre da noch die Erzsébet-Karte. Sissy dreht sich vermutlich im Grabe um. An diesem Programm sind seltsamerweise ja nur ungarische Supermarktketten beteiligt, vorneweg CBA. Vielleicht liegt es daran, dass CBA, Coop und Reál nur 3% Kommission zahlen, wärend Tesco und Auchan satte 6% berappen sollen. Dafür gibt's bestimmt wieder eine einleuchtende Erklärung, mit der man sich vor der EU rausreden kann.

Mit der SZÉP-Karte kann man in Zukunft bestimmt auch die neue City-Maut bezahlen. Dann kann man sich aussuchen, ob man für 10.000 Forint im Monat lieber im Stau steht, in der brennenden Metro oder im kurzgeschlossenen Trolleybus. Wenn das Geld aus der Maut tatsächlich in die BKV-Infrastruktur fließen würde, wäre es vielleicht nicht mal eine schlechte Idee. So wie die Rentenbeiträge auch ausschließlich zur Finanzierung der Renten genutzt werden. Genau.

Im Zweifelsfall muss man dann wohl zu fuß gehen. Oder im Froschgang hüpfen. Zum Beispiel jetzt am Sonntag, beim Békamenet, 15:00 Uhr am Heldenplatz. Damit soll der Friedensmarsch der Fidesz-Anhänger satirisch auf die Schippe genommen werden (Béke = Frieden, Béka = Frosch).

Aus diesem Grund hat 4K! auch die Teilnahme verweigert. Das wäre ja bitteschön eine Verhöhnung der Fidesz-Wähler. Dazu fällt mir nur ein... Erstens: Ja und? Wer Fidesz wählt muss mit den Konsequenzen leben, inklusive Verhöhnung. Zweitens: Ich wusste nicht, dass man bei den letzten Parlamentswahlen in Kolozsvár oder Kassa bereits für Fidesz stimmen durfte. Oder waren beim Friedensmarsch außer Bayer Zsolt noch andere Kernlandungarn dabei? Drittens: Damit sind 4K! auf dem besten Weg, eine gute ungarische Oppositionspartei zu werden, bevor sie überhaupt als Partei eingetragen sind: Wer kooperiert ist schwach, lieber kämpfen wir jeder gegen jeden und lassen Viktor sich ins Fäustchen lachen.

Und was treibt der Rest der Opposition? In der MSZP kämpfen Szanyi und Mesterházy um den Parteivorsitz. In der LMP hat Schiffer das Handtuch geworfen, weil er nicht mit den braunen Schmuddelkindern spielen durfte und nicht mit Mesterházy spielen wollte. Und Gyurcsány... der hockt in Miskolc-Avas im Plattenblau und genießt die Aussicht auf das Holcim-Werk. Betonköpfe, allesamt!

Kommentare:

  1. avenarius baumwax3. Februar 2012 um 18:12

    4k! kann man auch vergessen, denn der andrassfy (ich weiß nicht, ob das jetzt richtig geschrieben ist, aber das -y stimmt jedenfalls) hat in einem interview betont (!) - keiner hat ihn danach gefragt -, daß er aus einer sehr alten obungarischen adelsfamilie stammt, und hat noch ein wenig diesbezüglich herumgeschwafelt. jemand, der mit sowas hausieren geht, ist bei mir aber sowas von unten durch...

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  2. Istvánffy András. Den Adel erkennt man ja schon am Ypsilon. Das Interview im Pester Lloyd war vernünftig, mit seiner Interpretation von Patriotismus kann man auch gut leben.

    Interview Pester Lloyd

    Die nächsten Monate der Parteibildung werden zeigen, wohin sich 4K! orientieren wird. Die Begründung für die Nicht-Teilname am Froschmarsch finde ich jedenfalls etwas dünn...

    Pressemitteilung 4K!

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