Freitag, 10. Februar 2012

2012-06: Rosenkranzparanoia

Ratzinger muss überglücklich gewesen sein nach dem Wahlsieg von Fidesz/KDNP. Aufrechte Christen an der Regierung! Und seine Hoffnungen wurden erfüllt. Man denke nur an das nationale Glaubensbekenntnis mit seiner schwülstigen Beschwörung des christlichen Glaubens als Bewahrer der Nation. Und jetzt das: Kein Geld mehr! Die Flat Tax hält tausend Fußschlingen für übereifrige Parlamentarier bereit, und mit seinen vielen Ausnahmen und Übergangsregelungen ist das neue Steuerrecht vermutlich komplizierter als das alte. Inzwischen ist man auch im Vatikan auf den Trichter gekommen, dass 0,16% weniger sind als 0,32%. Ein ungarischer Steuerzahler darf nämlich 1% seiner Steuer einer gemeinnützigen Organisation zukommen lassen, und 1% einer von KDNP gnadenvoll - nem jog hanem kegy - anerkannten religiösen Gemeinschaft. Jetzt brechen den Kirchen die staatlich sanktionierten Einnahmen weg, und Semjen Zsolt führt offensichtlich bereits Gespräche mit dem Vatikan, wie das zu kompensieren sei. Ob er wohl auch mit den Krishnas redet? Wie wär's damit, diese Regelung ganz abzuschaffen?! Wenn die gläubigen und aufopferungsvollen Schäfchen ihre Steuerersparnisse nicht freiwillig mit dem Klerus teilen, dann sollen sie doch zur Hölle fahren. Mein erstes Prozent erhält TASZ, und mein zweites Prozent... erhält der Staat, denn das ist die einzige Alternative, die sich mir bietet. Wir haben offensichtlich Religionsfreiheit, aber keine Freiheit von Religion. Eine explizit atheistische Organisation, die sich der Überwindung von religiösem Wahn und mafiöser Kirchenstrukturen verschrieben hat, darf ich nicht mit meiner Steuer beschenken. Pfui!

Jetzt kommt natürlich gleich der Einwurf: "Aber die Kirche tut doch Gutes mit dem Geld. Die Caritas zum Beispiel!" Dann sollen Kirchen eine Alternative von vielen sein für ein oder zwei Prozent der Steuer, aber sie verdienen keine Sonderrolle. Es gibt schließlich auch genug säkulare Hilfsorganisationen, die Gutes tun, ohne dabei zu missionieren. Ärzte ohne Grenzen. Oder zur Zeit ganz aktuell: die Menhely Stiftung, die mit ihrem Notdienst Obdachlose vor dem Kältetod rettet. Offiziell gibt es in Ungarn bisher 55 Kältetote. Dabei werden aber nur diejenigen gezählt, die tot sind, bevor sie im Krankenhaus ankommen. Wer erst im Krankenhausbett an den Folgen seiner Unterkühlung stirbt, taucht in der Statistik nicht auf.

55 Menschen, die durch das soziale Raster gefallen sind. Die auf der Straße gelebt haben und sich nicht in die Obdachlosenunterkunft getraut haben. Oder die kein Geld für Holz, Strom oder Gas hatten und in ihrer kalten Wohnung saßen, weil man mit 47.000 Forint ja angenehm leben kann in Ungarn. Matolcsy bekommt von seiner Frau wahrscheinlich monatlich diese Summe als Taschengeld. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass zuhause seine Frau für die Finanzen verantwortlich ist. Und dann kommt da dieser Typ in speckiger Bomberjacke und Hut in seinem Familien-Bully und mit Pressetross vorgefahren und macht im Obdachlosenwohnheim einen auf netten Onkel Viktor. Hat mich an Kim Jong-il auf Kasernenbesuch erinnert. Zum Kotzen.

Neben den Obdachlosen gibt es noch andere, die der nächtlichen Kälte trotzen. Da wären zum Beispiel die Studenten, die am Deák tér eine Mahnwache eingerichtet haben: Sparen bis zum Kältetod der Bildung. Eisblumen sind was Schönes, aber nur, wenn es keine Rosen sind. Eisengel Hoffmann scheint immun gegenüber Kritik zu sein. Vielleicht auch nicht intelligent genug, um sie wirklich zu erfassen. In Brüssel müssen die ganz langsam und deutlich mit ihr reden. Dahin wurde sie nämlich wegen ihrer neuen Gesetze zitiert. Wir werden sehen. Tatsache ist, dass Studenten in Zukunft tatsächlich nach Studienabschluss für wenigstens die Hälfte ihrer gesamten Ausbildungszeit an die heimatliche Scholle gebunden werden sollen. Wohlgemerkt: gesamte Ausbildungszeit, inklusive Schulzeit. Und wer nach der mittleren Reife schmeisst, darf dann bei Tesco in London an der Kasse arbeiten, ohne Rózsa etwas zurückzahlen zu müssen. Das ist wirklich der Kältetod der Bildung, der Hirntod des Landes.

Bereits hirntot sind in aller Regel Neonazis. Damit erklären sich ihre unartikulierten Laute und das schwerfällige Hin- und Herwanken, das sie selbst als Marschieren bezeichnen. Sind Zombies eigentlich Warmblütler? Und was passiert, wenn sie bei -20°C einfrieren? Das werden wir herausfinden, wenn sie am Samstag ab 20 Uhr durch die Budaer Berge wanken. Satte 40 Kilometer haben die Organisatoren geplant und dabei vergessen, dass der typische Neonazis ein großes Maul aber wenig Ausdauer hat. Ich hoffe, das Rote Kreuz kümmert sich weiter priorisiert um Obdachlose und mittellose Rentner und lässt die braunen Frostbeulen im Wald liegen. Grund für die Geländeübung ist wie jedes Jahr das Gedenken an den Ausbruchversuch aus dem Budapester Kessel am 11. Februar 1945, der tausenden Wehrmachtssoldaten und Pfeilkreuzlern das Leben kostete. Damit ist auch klar, dass sich die Neonazis in der Tradition der Pfeilkreuzler sehen, denn Horty hatte schon im Herbst 1944 versucht, sich gegen Hitler zu stellen und mit den Sowjets zu verhandeln. Dass die Deutschen auf dem Rückzug die Budapester Brücken sprengten, inklusive der Kettenbrücke, scheint keinen Nationalisten zu jucken. Und dass unter den Deutschen auch Menschen wie General Gerhard Schmidhuber waren, der das Budapester Ghetto mit Panzern vor marodierenden Pfeilkreuzlern verteidigte, ist vermutlich auch ein eher lästiges Detail. Selig seien diejenigen mit einem selektiven Geschichtsbild.

Da fällt einem natürlich sofort Gyöngöysi Márton ein, das gelackte Jobbik-Äffchen vom Trinity College. Nach seinen völlig verqueren Äußerungen über den Holocaust in den letzten Tagen haben sich Fidesz und KDNP von ihm distanziert. Na, das ist doch schon mal was, dazu gehört ja eine gewisse Proaktivität. Heisst das im Umkehrschluss, dass sie sich von dem Rest der braunen Scheiße nicht distanzieren? Wahrscheinlich. Denn die Regierung ist sicherlich auch mit Gyöngyösi einer Meinung, was die strategische Verbrüderung mit dem Iran betrifft. Ihr gebt uns Öl, und wir geben euch strahlende Geschenke aus Paks. Das Ölembargo vergessen wir einfach mal, wir treten sowieso aus der Union aus. Dass die Mullahs keine aufrechten Christen sind, scheint keinen sonderlich zu interessieren.

Dabei hat Orbán im polnischen Fernsehinterview doch tatsächlich gesagt, dass er Rosenkranzkreuzzüge wichtig findet, weil damit ja auch Österreich befreit wurde. Orbán ist Calvinist. Und Opportunist. Rosenkranzkreuzzüge sind weltweit koordinierte Rosenkranzgebete, also bei weitem nicht so blutig wie echte Kreuzzüge. Vermutlich auch bei weitem nicht so effektiv, auch wenn ihre Organisatoren das anders sehen. Petrus Pavlicek, der in den 1950er Jahren den Rosenkranz Sühnekreuzzug organisierte, war felsenfest davon überzeugt, dass seine Gebetsbewegung zum österreichischen Staatsvertrag mit den Siegermächten geführt hat. Wird schon stimmen, es lag bestimmt nicht am Verhandlungsgeschick von Bruno Kreisky oder Julius Raab...

Ja, so ist das eben: Wenn was gut läuft, dann war es Gottes Hilfe. Und wenn etwas schlecht läuft, dann waren es die Sozialisten. Im Management von Nokia sitzen bestimmt auch nur Sozialisten. Wieso sonst wäre das Unternehmen Orbán so derbe in den Rücken gefallen: Erst lobt er Nokia in seiner Rede an die Nation, und prompt entlässt das Unternehmen die Hälfte seiner ungarischen Mitarbeiter. Nokia ist dabei nicht irgendwer, sonst das drittumsatzstärkste Unternehmen im Land.

Und wenn etwas richtig schlecht läuft, dann hilft keine sozialistische Weltverschwörung mehr, dann muss es schon ein richtiger Putschversuch sein. Den hat's ja angeblich jetzt auch schon gegeben, nur hat's keiner gemerkt. CNN, ungarische Diplomaten und natürlich die sozialistische Weltpresse haben versucht, Orbán aus dem Amt zu treiben. Sagt Orbán. Hat er nicht gesagt, sagen alle Regierungs- und sonstigen Sprecher. Werden wir bestimmt bald genauer wissen, denn seit Balatonőszöd laufen immer irgendwelche heimlichen Tonbänder mit. Damit eröffnet Orbán unsere nächste Lektion im Volkshochschulkurs "Fremdschämen für Fortgeschrittene". Auf dem Weg zum ordentlichen Diktator hat er jetzt die nächste Stufe erreicht: gesunder Verfolgungswahn. Zumindest wissen wir jetzt, warum die Telekom bereits im Januar im Kabelnetz CNN gegen BBC ausgetauscht hat.

Die wirkliche Gefahr lauert ganz woanders und heisst "Artikel 7 EUV". Nachdem Navracsics gestern in Brüssel einen Auftritt hingelegt hat, der ebenfalls Fremdschämpotential hatte, und nachdem er damit Neelie Kroes so angepisst hat, dass sie nach der Sitzung wortlos den Raum verließ, können wir davon ausgehen, dass die Kommission dem europäischen Rat vorschlagen wird, die schwerwiegende Verletzung von Artikel 2 EUV festzustellen. Für europäische Verhältnisse wäre das ein Erdbeben. Sanktionen sind mit diesem Vorschlag noch lange nicht verbunden. Erst muss das EP zustimmen. Und wenn sich die EVP nicht langsam mal ihrer demokratischen Verantwortung besinnt, kann man lange auf diese Zustimmung warten. Und dann muss der europäische Rat selbst die Verletzung noch einstimmig bestätigen. Und hier verstehe ich etwas nicht: Wie soll das denn einstimmig geschehen, wenn Orbán selbst Mitglied in diesem Rat ist?? Was habe ich hier falsch verstanden??

Das klappt doch nur, wenn Orbán vorher ordentlich mit Putsch... sorry, Punsch... betankt wird und dann die Sitzung verpennt. Europa ist schließlich wie Alkohol, sagt Orbán. Oder wenn er besoffen auf dem Weg zur Sitzung mit seinem Bully einen Unfall baut, so wie Andreas Schockenhoff. Ich verstehe natürlich, dass man bei stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden andere moralische Maßstäbe ansetzt als bei evangelischen Bischöfinnen. Klar. Trotzdem frage ich mich, ob Schockenhoff von Lázár nicht doch heimlich mit Pálinka abgefüllt wurde, bevor er seine Pressemitteilung im Namen der CDU/CSU-Fraktion veröffentlicht hat: "Wir sind überzeugt, dass Fidesz einen Ausgleich der Interessen in der gesamten ungarischen Bevölkerung betreiben wird." Das Macht Fidesz doch schon längst. Orbán nennt das nationale Konsultationen, und man sieht seit zwei Jahren, wohin die führen. Direkt in die Paranoia.

1 Kommentar:

  1. semjén zsolt führt eher gespräche mit opus dei, er ist ja auch bekennender bußgürtelträger

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