Freitag, 2. März 2012

2012-09: Árpádheit

"Religion poisons everything."
Christopher Hitchens, 1949-2011

Evangelikale und konservative Katholiken sprechen abwertend von einer Modewelle, von neuen Atheisten, die nichts Neues zu sagen haben. Dabei sind es die Ratzingers dieser Welt, die auf verlorenem Posten stehen und die nichts Überzeugendes mehr zu sagen haben. Alle Argumente widerlegt, Kinderschänder am Bein und absonderliche bis menschenverachtende Moralvorstellungen. Wer will das noch?

Es ist lobenswert, dass Ungarn 66 Sekten den Status als Kirche und alle damit verbundenen Privilegien aberkannt hat. Wer an einen Rauschebart über den Wolken glauben will, an Nirvana und heilige Kühe, an blaue Elefantengötter, an einen pädophilen Propheten in der Wüste, der soll das gerne tun. Stört mich nicht. Aber was hat der Staat damit zu schaffen? Warum brauchen solche Gemeinschaften Steuerprivilegien? Weg damit! Und deshalb ist es alles andere als lobenswert sondern im Gegenteil einfach nur ärgerlich, dass 32 Sekten sich weiterhin Kirche nennen dürfen, ganz vorneweg die "historischen" Kirchen. Und nicht nur das. Langsam aber sicher setzt KDNP die eigenen Vorstellungen vom konservativ-christlichen Gottesstaat auf die Agenda.

Da wäre zum Beispiel der Religionsunterricht in der Schule. Klar, in Deutschland ist man daran gewöhnt. Aber muss das deshalb normal und richtig sein? Was haben Pfaffen in der Schule zu suchen? 2.000 Jahre lang haben sie das Wissen und die Wissenschaft bekämpft wo sie konnten und haben am Ende doch nur Rückzugsgefechte geführt, und jetzt sollen wir sie hier wieder in die Schulen lassen, damit sie ihren Schwachsinn verbreiten? Ethikunterricht ist in Ordnung, Rózsa. Und in diesem Rahmen auch gerne vergleichender Religionsunterricht. Es tut niemandem weh, etwas über die Bibel zu lernen und über die historischen Zusammenhänge, über Schismen und Konzile. Denn dann wird schnell deutlich, dass Religionen menschengemacht sind. Wir haben die Götter nach unserem Vorbild geformt, deshalb sind sie ja auch so kleinlich, jähzornig und dumm.

Noch besser ist der Abklatsch von "True love waits", den Rózsa und ihre zölibatären Freunde mit EU-Finanzierung auf den Lehrplan setzen wollen. Sex vor der Ehe ist... ja, was denn? Unmoralisch? Nach wessen Maßstäben, wer hat das festgelegt? Die älteren freundlichen Herren etwa, die Abstinenz predigen und kleine Jungs vernaschen? Kastrierte Kater, die anderen Ratschläge geben. Ach was, Ratschläge - Anweisungen, Befehle! Die Kindern und Jugendlichen einimpfen wollen, dass Sex etwas Schlechtes ist, etwas Unmoralisches, etwas Dreckiges... das man sich für einen Menschen aufheben soll, den man wirklich liebt. Geht's noch? Wer ist denn physisch dazu in der Lage, vom Einsetzen der Pubertät bis zu einer Ehe, die heutzutage Mitte Zwanzig geschlossen wird (wenn überhaupt), abstinent zu leben? Wohlgemerkt unter der Voraussetzung, dass Masturbation genauso dreckig und unmoralisch ist wie Sex vor der Ehe. Niemand kann das, ganz sicher auch kein Priester im Zölibat.

Ratzinger und die anderen religiösen Führer wissen natürlich, dass niemand frei ist von "Sünde". Es geht ja auch gar nicht um Sex, es geht um Macht. Impfe den Menschen ein schlechtes Gewissen ein, lasse sie sich sündig und dreckig fühlen. Erzähle den kleinen Kindern von der Hölle, von ewigen Qualen, damit sie auch als Erwachsene zu Dir kommen und beichten und um Absolution bitten. Halte den Klingelbeutel hin und lächle vergebungsvoll. Und die EU zahlt auch noch dazu.

Logisch, dass mit harten Bandagen gekämpft wird, wenn staatliche Pfründe auf dem Spiel stehen. Wenn plötzlich 10% der Bevölkerung von Sajókaza Buddhisten sind, dann kann da doch etwas nicht stimmen! Ist das vielleicht so, weil die Dzsaj Bhím tatsächlich ihre Hände zur Hilfe ausgestreckt haben? Weil sie sich für den Abschaum, für das dreckige Gesindel, für die Strauchdiebe und Faulenzer einsetzen, die politisch korrekt als Roma bezeichnet werden müssten? Weil sie in ihnen die Menschen sehen, die sie sind? Mag das sein wie es will, es darf nicht sein! Wenn schon Zigeuner, dann wenigstens katholische Zigeuner. Und so wie die Krishnas nicht mehr am Blaha stehen dürfen, will man nun den Buddhisten in Sajókaza das Leben schwer machen.
Erster Schritt: Völlig egal, ob die EU gerade skeptisch auf den ungarischen Datenschutz schaut, wir schicken die Polizei los. Die soll mal rausfinden, was die Leute bei der anonymisierten Volksbefragung angekreuzt haben. Wäre doch gelacht, wenn wir keinen finden, der zugibt, dass er von den Buddhisten überredet wurde. Und dann geht's denen an den Kragen. Lieber Analphabeten als gebildete Buddhistenzigeuner. Ab ins Nirvana!

Wenn wir uns Dorfschulen anschauen, müssen wir wohl auch schon wieder nach Gyöngyöspata schauen. Man sollte erwarten, dass man dort jetzt erstmal den Ball flach hält. Aber Leute wie Juhász Oszkar sind eben kackfarbige Krawallmacher. Sein Niveau wird deutlich wenn man ihn dümmlich lächelnd mit dem Handy am Ohr neben Károlyi Mihály posieren sieht. Da wird auf einen Blick klar, wer von beiden der Staatsmann ist bzw. war und wer das blöde Arschloch.
Und selbst wenn Károlyi nun seinen Platz räumen muss und Jobbik sich mit seiner skandalösen Forderung durchgesetzt hat: Am Balaton wird dieses Stück Bronze den wenigen verbliebenen westlichen Touristen deutlich machen, dass Schluss ist mit Demokratie.

Zurück nach Gyöngyöspata: Was jetzt schon wieder los ist? In der Schule herrscht "Rassentrennung". Im Erdgeschoss sitzen die Roma, im Obergeschoss die "echten" Ungarn und ein paar Alibi-Roma aus benachbarten Siedlungen. Die Trennung zieht sich konsequent durch den Schulalltag, von der Pause bis zum Mittagessen werden die Gruppen getrennt. Dabei hat Gyöngyöspata bei weitem nicht genug Schüler, um immer zwei Klassen einzurichten. Deshalb werden die Roma auch schon mal jahrgangsübergreifend unterrichtet. Ein Zyniker, der dabei von kleiner Gruppengröße und Intensivunterricht spricht. Segregation auf Ungarisch? Árpádheit!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen